Rückblick: Ein Stück: Tschechien 2018

Zwei spannende und völlig ausverkaufte tschechische Gastspiele im tak Theater Aufbau Kreuzberg und eine überfüllte Galerie des Tschechischen Zentrums am Abend mit drei szenischen Lesungen tschechischer Gegenwartsdramen – das Festival Ein Stück: Tschechien 2018 fand vom 26.05. bis 14.06.2018 in Berlin statt, veranstaltet von Drama Panorama: Forum für Übersetzung und Theater e. V. und dem Tschechisches Zentrum Berlin.

 

Bereits zum dritten Mal zeigten wir aktuelle tschechische Theaterstücke in Gastspielen und szenischen Lesungen.

Den Auftakt des Festivals machte die gefeierte Produktion des Prager Theaters Studio Hrdinů Der Schauspieler und Schreiner Majer äußert sich zum Zustand seines Heimatlandes des bekannten tschechischen Prosaautors David Zábranský am 26. Mai im tak Theater Aufbau Kreuzberg. Für die Hauptrolle erhielt Stanislav Majer den Preis der Theaterkritik als bester Hauptdarsteller des Jahres. Die Inszenierung wurde zum meistdiskutierten Stoff in der tschechischen Theater- und Medienlandschaft im letzten Jahr, da der Autor provokativ am politischen Selbstbewusstsein der tschechischen Eliten kratzt.

 

Zábranský rief in Tschechien eine große Hysterie hervor, da er noch vor der Uraufführung des Stücks verkündete, dass die Kernfrage seines Werks darin bestünde, „warum hiesige Künstler Zeman nicht verstehen und warum sie ihn als Symbol des Bösen verwenden“. Auf einmal wurde er zum verhassten Objekt der Anti-Zeman-Bewegung, ohne Rücksicht darauf, was hinter den provokativen Thesen, die Zábranský gezielt veröffentlichte und als eine Art Köder in den Medien kursieren ließ, im Text tatsächlich zu finden ist. Zábranskýs Text ist eine höchst theatrale Analyse der Haltung der Eliten, die sich auf dem Bild eines schwarz-weiß porträtierten Feindes ausruhen, ohne die wirklich wichtigen Fragen der Gesellschaft anzugehen.

Die Regisseurin Kamila Polívková benutzt Zábranskýs provokative Thesen und steigert sie klug weiter ins Groteske. Stanislav Majer in der Hauptrolle ist maßgeblich für den Erfolg des Abends verantwortlich – aus seinem Mund die Worte zu hören, die Zábranský Majer unterschiebt, ist höchst amüsant und sehr präzise gespielt. Das Publikum hat lange applaudiert und mit Zábranský auch kontrovers diskutiert, es gab viele deutsch-tschechische Vergleiche (denn in dem Text werden viele Vergleiche mit Deutschland bemüht und das deutsche Theater als Ort der Sehnsucht dargestellt), was Migrationspolitik oder Demokratieverständnis angeht, aber auch die Qualität von tschechischem Kebab, der in Tschechien lediglich ein aus Deutschland importiertes und aufgewärmtes Tiefkühlerzeugnis ist. Beim Publikumsgespräch gab Zábranský zu, er habe bei der Zusammenarbeit mit dem Theater Studio Hrdinů gemerkt, dass er seinen Text, der schon ernst gemeint war, weit mehr satirisch auffassen muss. Kleine Seitenhiebe gab es für den Autor auch – Stanislav Majer prophezeite Zábranský bald eine Staatsauszeichnung, von Präsident Miloš Zeman persönlich überreicht. Noch lange wurde im Foyer von tak-Theater weiter diskutiert und gefeiert.

Am 6. Juni wurden in der Galerie des Tschechischen Zentrums drei aktuelle Theaterstücke in szenischen Lesungen vorgestellt. David Drábek, einer der bekanntesten Komödienautoren in Tschechien, kam mit seinem Stück Einsame Spitze, einer grotesken Dekonstruktion des Mythos einer erfolgreichen sozialistischen Sportlerkarriere; René Levínský, ein Chamäleon unter den tschechischen Autor*innen, der von der tschechischen Theaterkritik als „der tschechische Stoppard“ tituliert wird, stellte sein Stück Nawratilowa, Szymczykowa vor, in dem zwei Frauen eine von der Geschichte ihrer Tätowierungen untermalte Reise in die tschechisch-deutsche Vergangenheit unternehmen; und Roman Sikora, Meister der aktuellen politischen Groteske, wurde mit seinem neuesten Stück Schloss an der Loire vertreten, in dem die tschechischen politischen Verhältnisse am Leben von Lakaien, welche die Gattin eines hochrangigen tschechischen Politikers in einem französischen Schlösschen eingesperrt halten, satirisch dargestellt werden. Sikoras Stück wurde mit freundlicher Unterstützung des Festivals Talking About Borders am Staatstheater Nürnberg präsentiert, wo es als Gewinner des Dramenwettbewerbs am 28. Juni 2018 uraufgeführt wird.

Regisseur Eberhard Köhler und die Bühnenbildnerin Anita Fuchs haben drei eigenständige Räume in der Galerie des Tschechischen Zentrums installiert und viele Theatermittel vom klassischen Schauspiel über Puppentheater und Videomapping bis zum Bodypainting eingesetzt, um aus diesem Abend ein ganz besonderes Theaterereignis zu machen.

Das Publikum durfte über den Gewinner des Publikumspreises entscheiden und votierte mehrheitlich für Roman Sikoras Stück Schloss an der Loire. Der Gewinner des Publikumspreises wird im nächsten Jahr zu einem Residenzaufenthalt nach Berlin eingeladen.

Beim Publikumsgespräch wurden die Wunden der tschechischen Geschichte angesprochen – von der sogenannten wilden Vertreibung der Sudetendeutschen, die Levínskýs Stück thematisiert, über die unrühmliche Ära des sozialistischen Massendopings im Stück von David Drábek bis hin zu den heutigen Skandalen der tschechischen politischen Repräsentanz, die das Stück von Sikora grotesk aufnimmt.

Im Rahmen der szenischen Lesungen wurde auch das Erscheinen der Anthologie der tschechischen Gegenwartsdramatik Von Masochisten und Mamma-Guerillas (hrsg. Barbora Schnelle unter Mitarbeit von Henning Bochert, Berlin: Neofelis 2018) gefeiert. Das Buch ist der erste Band der Reihe Drama Panorama, die in Zusammenarbeit von Drama Panorama e. V. und dem Neofelis Verlag begonnen wurde. Das Buch ist ein echtes Update in der deutschen Literaturlandschaft. Es stellt neun aktuelle tschechische Gegenwartsdramen, einige davon hatten erst vor einem Jahr Premiere.

 

Am 14. Juni gastierte die tschechische Inszenierung des Jahres 2016 im tak Theater Aufbau Kreuzberg – die Produktion Olga: Horror im Hause Havel aus der Feder der jungen tschechischen Dramatikerin Anna Saavedra. In der Inszenierung von Martina Schlegelová vom Prager Theater Divadlo LETÍ wurde das Leben der ersten Ehefrau von Václav Havel in einer sitcomartigen Inszenierung als Abrechnung mit der Zeit vor und nach der Revolution 1989, aber vor allem als Porträt einer außergewöhnlichen Frau mit allen ihren Facetten gezeigt. Die Hauptdarstellerin Pavlína Štorková erhielt für ihre Rolle der Olga den Preis der Theaterkritik für die beste Hauptrolle des Jahres.

Pavlína Storkova in Olga/Divadlo LETÍ | Foto: Alexandr Hudecek

Im tak Theater Aufbau Kreuzberg wurde in nur einem Tag die aufwendige Kulisse von Hrádeček (auf dt. „kleine Burg“), dem Domizil der Havels, aufgebaut, und Pavlína Štorková führte in der Rolle der Olga das Publikum in „ihr Heim“ ein. Die Autorin Anna Saavedra schrieb das Stück mit einem Augenzwinkern in Richtung Havels Dramen und einem Sinn für die Ironie der Geschichte und damit zusammenhängende Absurditäten, denn niemals darf Olga allein Pilze sammeln: Zuerst ist ihr die Staatspolizei auf den Versen, gleich nach der Wende sind es die Personenschützer des frisch gewählten Präsidenten Havel. Olga ist mit ihrer gradlinigen Art eine zynische Kommentatorin der politischen Umbrüche – von den wilden Dissidentenpartys bis zu Staatsempfängen. Das Biografische dient der Inszenierung als Grundlage für das Porträt einer Frau, die mit Selbstironie und Würde dem Leben, das sie sich nicht ausgesucht hätte, trotzt. Diese intime, sehr intensive Inszenierung über eine ungewöhnliche Liebesbeziehung wurde von Berliner Publikum sehr aufmerksam verfolgt – ein ganz besonderer Abend.

Mit der Regisseurin Martina Schlegelová, der Dramaturgin Marie Špalová und der Hauptdarstellerin Pavlína Štorková diskutierte unsere Kollegin, die Dramaturgin, Übersetzerin und Theatermacherin Hedda Kage vor dem Publikum. Kage kannte Hrádeček gut, versorgte in den Sechzigern Olga und Václav Havel mit Büchern aus dem Westen und mit Nachrichten aus dem Rowohlt Verlag, der Havels Werke in Westdeutschland veröffentlichte. Ihr Auto mit dem West-Kennzeichen musste damals in der Scheune versteckt werden, das Ehepaar Havel wollte Aufsehen vermeiden, da es an dem Tag ganz besonders observiert wurde – die Band Plastic People of the Universe wurde nämlich erwartet. So wurde von Hedda Kage vieles, was in der Inszenierung von Divadlo LETÍ verhandelt wurde, sofort identifiziert. Auf ihre Frage, wie man sich dem vielschichtigen dokumentarischen Material näherte, antwortete die Dramaturgin, man habe auf keinen Fall ein Denkmal für Olga Havlová bauen wollen. Olga Havlová sollte als eine besondere Persönlichkeit mit Ecken und Kanten dargestellt werden. Bei den Gesprächen mit der Autorin wurde bald deutlich, dass Olga als einzige weibliche Figur das Geschehen dominieren sollte, während die drei männlichen Kollegen in vielen Rollen schlüpfen. Die Hauptdarstellerin berichtete, dass sie erst bei den ersten Pressefragen, die sie mit der großen Verantwortung, die mit ihrer Rolle verbunden sind, konfrontierten, gemerkt hat, dass viele eine vorgefertigte Meinung von Olga Havlová haben und sie als Ikone sehen. Sie wollte Olga keinesfalls als eine ferne Ikone spielen, sondern als eine ganz lebendige, inspirierende Frau. Zum Schluss betonte die Regisseurin Martina Schlegelová, dass Olga Havlová in der tschechischen Vor- und Nachwendegesellschaft wie eine Art Königin wirkte – Königin des Undergrounds und Königin der sich neu konstituierenden demokratischen Regierung. Persönlichkeiten mit einer solchen moralischen Glaubwürdigkeit vermisst man in der heutigen tschechischen Gesellschaft. Das ist vielleicht auch ein Teil des Erfolgs dieser Inszenierung.

Die Journalistin Katharina Granzin schrieb in Ihrer Kritik in der Tageszeitung über die Inszenierung:

„Der resultierende Effekt ist ein großer Spaß, auf eine ganz selbstverständliche Weise absurd, die der Dramatiker Havel sicher sehr zu schätzen gewusst hätte. Einzige Frau unter den vier DarstellerInnen ist Pavlina Štorková als Olga, der sie eine gleichsam abstrakte strenge Würde verleiht.“

Das ausführliche Programm des Festivals Ein Stück: Tschechien 2018 finden Sie hier.

Wir möchten uns an dieser Stelle bei allen Mitwirkenden bedanken: bei unseren Autor*innen Anna Saavedra, David Zábranský, David Drábek, René Levínský und Roman Sikora, bei den Übersetzer*innen Matyáš Levínský und Daniel Meier und Doris Kouba, bei den Teams der Theater Studio Hrdinů und Divadlo LETÍ, bei Anna Koch und Moritz Pankok von tak Theater Aufbau Kreuzberg, bei Christina Frankenberg, Tomáš Sacher und dem ganzen Team des Tschechischen Zentrums Berlin, bei der Besetzung und künstlerischen Leitung Eberhard Köhler und Anita Fuchs der szenischen Lesungen, bei Thilo Wittenbecher mit seinen Kolleg*innen vom Mime Centrum Berlin, bei unseren Praktikant*innen Julie Adam und Franz Bedau.

Unser Dank gehört auch unseren Förderern und Partnern:

Deutsch-tschechischer Zukunftsfonds
Kulturministerium der Tschechischen Republik
Der Regierende Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei
Arts and Theatre Institute, Prag
DILIA – Theatre, Literary, Audiovisual Agency
Studio Hrdinů
Divadlo LETÍ
tak Theater Aufbau Kreuzberg
Talking About Borders – Staatstheater Nürnberg

Und natürlich bedanken wir uns bei Euch/Ihnen, unserem Publikum!

Publikum | Foto: Tschechisches Zentrum

Wir freuen uns auf Euch/Sie bei unserem nächsten Ein Stück: Tschechien!

Barbora Schnelle und Henning Bochert

Festivalleitung und Dramaturgie

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