EIN STÜCK: TSCHECHIEN 2018

Zeitgenössische Theaterstücke aus Tschechien zu Gast in Berlin: Drama Panorama e. V. und Tschechisches Zentrum Berlin veranstalten erneut das Festival tschechischer Gegenwartsdramatik – Ein Stück: Tschechien 2018 – diesmal mit zwei Gastspielen und szenischen Lesungen von drei Theaterstücken.

Bereits zum dritten Mal stellt in diesem Jahr das biennale Festival tschechischer Gegenwartsdramatik Ein Stück: Tschechien vom Ende Mai bis Mitte Juni aktuelle tschechische Theaterstücke vor.

In der Tschechischen Republik gibt es eine neue Generation von Theaterautoren, deren Texte eine Relevanz für den gesamteuropäischen Raum besitzen und die dennoch im Ausland kaum bekannt sind. Der Berliner Verein Drama Panorama: Forum für Übersetzung und Theater e. V., in Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Zentrum Berlin, will mit seinem Festival Ein Stück: Tschechien diese Lücke schließen.

Den Auftakt des Festivals macht die gefeierte Produktion des Prager Theaters Studio Hrdinů Der Schauspieler und Schreiner Majer äußert sich zum Zustand seines Heimatlandes (orig. Herec a truhlář Majer mluví o stavu své domoviny) des bekannten tschechischen Prosaautors David Zábranský am 26. Mai im tak Theater Aufbau Kreuzberg. Für die Hauptrolle erhielt Stanislav Majer den Preis der Theaterkritik als bester Hauptdarsteller des Jahres. Die Inszenierung wurde zum meistdiskutierten Stoff in der tschechischen Theater- und Medienlandschaft im letzten Jahr, da der Autor provokativ am politischen Selbstbewusstsein der tschechischen Eliten kratzt.

Am 6. Juni werden in der Galerie des Tschechischen Zentrums drei aktuelle Theaterstücke in szenischen Lesungen vorgestellt. David Drábek, einer der bekanntesten Komödienautoren in Tschechien, kommt mit seinem Stück Einsame Spitze (orig. Koule), einer grotesken Dekonstruktion des Mythos einer erfolgreichen sozialistischen Sportlerkarriere; René Levínský, ein Chamäleon unter den tschechischen Autor*innen, der von der tschechischen Theaterkritik als „der tschechische Stoppard“ tituliert wird, stellt sein Stück Nawratilowa, Szymczykowa vor, in dem zwei Frauen eine von der Geschichte ihrer Tätowierungen untermalte Reise in die tschechisch-deutsche Vergangenheit unternehmen; und Roman Sikora, Meister der aktuellen politischen Groteske, wird mit seinem neuesten Stück Schloss an der Loire (orig. Zámek na Loiře) vertreten sein, in dem die tschechischen politischen Verhältnisse am Leben von Lakaien, welche die Gattin eines hochrangigen tschechischen Politikers in einem französischen Schlösschen eingesperrt halten, satirisch dargestellt werden.

Sikoras Stück erhielt im letzten Jahr den Hauptpreis beim Festival Talking About Borders am Staatstheater Nürnberg und wird dort Ende Juni seine Uraufführung feiern. Wir präsentieren eine gekürzte Fassung des Stücks mit freundlicher Unterstützung von Talking About Borders.

Im Anschluss an die Lesungen feiern wir das Erscheinen der Anthologie der tschechischen Gegenwartsdramatik Von Masochisten und Mamma-Guerillas (Hrsg. Barbora Schnelle unter Mitarbeit von Henning Bochert, Berlin: Neofelis 2018). Das Buch ist der erste Band der Reihe Drama Panorama, die in Zusammenarbeit von Drama Panorama e. V. und dem Neofelis Verlag begonnen wurde. Es stellt neun aktuelle tschechische Gegenwartsdramen von Autor*innen vor, mit denen das Festival Ein Stück: Tschechien bereits zusammengearbeitet hat oder in Zukunft zusammenarbeiten will.

Am 14. Juni kommt die tschechische Inszenierung des Jahres 2016 ins tak Theater Aufbau Kreuzberg – die Produktion Olga: Horror im Hause Havel (orig. Horrory z Hrádečku) aus der Feder der junge tschechischen Dramatikerin Anna Saavedra. In einer Inszenierung von Martina Schlegelová vom Prager Theater Divadlo LETÍ wird das Leben der ersten Ehefrau von Václav Havel in einer Sitcom-artigen Inszenierung als Abrechnung mit der Zeit vor und nach der Revolution 1989 gezeigt.

Die Hauptdarstellerin Pavlína Štorková erhielt für ihre Rolle der Olga den Preis der Theaterkritik für die beste Hauptrolle des Jahres.

Programm

Samstag, 26. Mai, 20:00 Uhr, tak Theater Aufbau Kreuzberg

David Zábranský: Der Schauspieler und Schreiner Majer äußert sich zum Zustand seines Heimatlandes. Auf dem Bild: Stanislav Majer | Foto: Ladislav Babuščák

Der Schauspieler und Schreiner Majer äußert sich zum Zustand seines Heimatlandes
von David Zábranský

Gastspiel des Theaters Studio Hrdinů, Prag
Regie: Kamila Polívková
Es spielen: Stanislav Majer und Chor

Mit seinem ersten Auftragswerk fürs Theater sorgte der bekannte tschechische Prosaautor David Zábranský in Tschechien für viel Furore. Der Schauspieler und Schreiner Majer äußert sich zum Zustand seines Heimatlandes (orig. Herec a truhlář Majer mluví o stavu své domoviny, UA 2016) wurde am Prager Theater Studio Hrdinů inszeniert und ist ein gelungenes Beispiel für tschechisches Gegenwartstheater am Puls der Zeit.

Das Stück kreist um das Thema Heimat und ihre Zuschreibungen, um nationales Selbstbewusstsein und die Rolle der Eliten, die es prägen. Der Monolog wurde für den Schauspieler Stanislav Majer geschrieben, einen bekannten Theater- und Fernsehdarsteller, dessen Lebenseinstellungen der Autor sarkastisch unter die Lupe nimmt. Was bedeutet in Tschechien das Wort „Heimat“? Und warum fühlt Majer eine Abneigung der Heimat gegenüber? Ist der derzeitige Präsident schuld? Oder haben die Tschechen prinzipiell ein schwaches Selbstbewusstsein und denken, dass es anderswo, z. B. in Deutschland, besser sei? In Bernhard‘scher Manier ist Zábranský ein bissiger Beobachter und Analytiker der tschechischen Gesellschaft, in der „Heimat“ für unterschiedliche Zwecke missbraucht wird. Ein spannender tschechisch-deutscher Theater-Disput!

Die Übersetzung des Stückes von Doris Kouba erscheint gerade in der neu gegründeten Reihe Drama Panorama – neue internationale Theatertexte beim Neofelis Verlag: Von Masochisten und Mamma-Guerillas. Neue tschechische Dramatik. Hrsg. von Barbora Schnelle, Berlin: Neofelis 2018.

Stanislav Majer erhielt für diese Inszenierung den tschechischen Preis der Theaterkritik als bester Hauptdarsteller 2016.

Auf Tschechisch mit deutschen und englischen Übertiteln, Publikumsgespräch im Anschluss

Länge: 80 Min.

Karten hier

 

Mittwoch, 6. Juni, 19:00 Uhr, Tschechisches Zentrum Berlin

Szenische Lesungen gekürzter Fassungen der Stücke und Publikumsgespräch mit den Autoren

Regie: Eberhard Köhler

Ausstattung: Anita Fuchs
Es spielen: Henning Bochert, Simon Buchegger, Renate Regel, Naemi Schmidt-Lauber, Hannah Schröder

David Drábek: Einsame Spitze (Aus dem Leben einer Kugelstoßerin)

übersetzt aus dem Tschechischen von Doris Kouba

Das fiktive Porträt einer tschechischen Kugelstoßerin, die vor der Wende für die sozialistische Republik Medaillen gewann und sich heute in einem Radiogespräch als Nationalheldin inszeniert, ohne die dunklen Kapitel des damaligen Massendopings kritisch zu reflektieren – eine pointierte Tragikomödie und eines der erfolgreichsten Bühnenstücke der jüngeren Zeit.

Roman Sikora: Schloss an der Loire

übersetzt aus dem Tschechischen von Barbora Schnelle

Im Stück sperrt ein hoher tschechischer Politiker seine Frau auf einem prunkvollen französischen Schloss ein, da sie ihn zu Hause mit ihren Äußerungen in den Medien diskreditiert. Vier Lakaien versuchen zu verstehen, warum sie lieber tschechische Konserven als französische Spezialitäten isst und das Rokoko-Schloss im Ikea-Stil neu einrichtet. Ein höchst amüsantes politisches Gegenwartsstück mit sehr schwarzem Humor.

Präsentiert mit freundlicher Unterstützung des Festivals Talking About Borders 2017 am Staatstheater Nürnberg, wo das Stück als Gewinner des Wettbewerbs 2017 am 28. Juni 2018 uraufgeführt wird.

René Levínský: Nawratilowa, Szymczykowa (Das flammende Herz)

übersetzt aus dem Tschechischen von Matyáš Levínský und Daniel Meier

Zwei leidenschaftliche Frauen unternehmen eine von der Geschichte ihrer Tätowierungen untermalte Reise in ihre tschechisch-deutsche Vergangenheit, große Geschichte und banale Alltagsthemen werden vermischt. Geschrieben als Hommage an István Örkénys Katzenspiel und den Dokumentarfilm Flammend‘ Herz von Oliver Ruts und Andrea Schuler.

Anschließend wird der Publikumspreis des Festivals verliehen.

Buchpräsentation:

Im Rahmen der szenischen Lesungen wird die neu erschienene Anthologie Von Masochisten und Mamma-Guerillas: Neue tschechische Dramatik (Hrsg. von Barbora Schnelle unter Mitarbeit von Henning Bochert), Berlin: Neofelis, 2018 feierlich vorgestellt.

Eintritt frei

 

Donnerstag, 14. Juni, 19:30 Uhr, tak Theater Aufbau Kreuzberg

Pavlína Štorková, Divadlo Letí | Foto: Alexandr Hudecek

Olga (Horror im Hause Havel)
von Anna Saavedra

Gastspiel des Theaters Divadlo LETÍ, Prag

Regie: Martina Schlegelová
Es spielen: Pavlína Štorková, Jiří Böhm, Tomáš Kobr, Pavol Smolárik
Uraufführung am 23.03.2016

Was passiert, wenn Dissidenten zu Präsidenten werden? Wie verändert die Macht und ihre Inszenierung den Alltag einer Beziehung, die die Zeiten des tschechischen Widerstands gegenüber dem totalitären Regime zusammengeschweißt haben? Wir befinden uns im berühmten Wochenendhaus „Hrádeček“ (dt. „kleine Burg“) von Václav Havel, das Stück soll von seiner ersten Frau Olga (verewigt in Havels Briefen an Olga) handeln. Doch immer wieder entreißt ihr Havel das Wort und stellt seine Bedürfnisse in den Vordergrund. Olga ist mit ihrer gradlinigen Art eine zynische Kommentatorin der politischen Umbrüche – von den wilden Dissidentenpartys bis zu Staatsempfängen. Das Biografische dient der Inszenierung als Grundlage für das Sitcom-artige Porträt einer Frau, die mit Selbstironie dem Leben trotzt.

Die Inszenierung wurde mehrfach ausgezeichnet: Beim Preis der Theaterkritik 2016 als bestes Stück des Jahres und für die beste Hauptdarstellerin; beim Preis der Theaterzeitung 2016 als Inszenierung des Jahres.

Auf Tschechisch mit deutschen und englischen Übertiteln, Publikumsgespräch am Anschluss

Länge: 2,5 Stunden mit Pause

Karten hier

Veranstalter

Drama Panorama: Forum für Theater und Übersetzung e. V.
www.drama-panorama.com
Tschechisches Zentrum Berlin/České centrum Berlín
berlin.czechcentres.cz

In Zusammenarbeit mit den Theatern Studio Hrdinů und Divadlo Letí

 

Kuratorin: Barbora Schnelle

in Zusammenarbeit mit dem tschechisch-deutschen künstlerischen Beirat des Festivals

 

Festivalleitung und Dramaturgie

Barbora Schnelle und Henning Bochert

 

Veranstaltungsorte

tak Theater Aufbau Kreuzberg
Aufbau Haus am Moritzplatz
Prinzenstraße 85F
10969 Berlin

Beide Gastspiele auf Tschechisch mit deutschen und englischen Übertiteln, Podiumsdiskussion im Anschluss
Karten und Eintrittspreise: tak-berlin.de/tickets oder info@drama-panorama.com

Tschechisches Zentrum Berlin
Wilhelmstraße 44
10117 Berlin (Eingang Mohrenstraße)
Eintritt frei

 

Das Festival wurde ermöglicht durch die Unterstützung unserer Förderer und Partner: