Tschechische Dramatiker Arnošt Goldflam und David Drábek bei der Leipziger Buchmesse 2018

In diesem Jahr sind zwei bedeutende tschechische Dramatiker, Arnošt Goldflam und David Drábek, Gäste der Leipziger Buchmesse. Barbora Schnelle, unterstützt durch Henning Bochert, beide von Drama Panorama e. V., präsentiert die Autoren in drei verschiedenen Formaten:

Samstag, 17. 3. 2018, 19:00 Uhr, Ort: Schaubühne Lindenfels, Leipzig

Besuch in Hitlers Küche und Klöten auf der Bühne – Arnošt Goldflam und David Drábek in Lesung und Gespräch

(im Rahmen von Leipzig liest!)

Wie sieht der Privatraum eines Diktators aus? Und braucht man Klöten, um die sozialistische Sportlerkarriere hinter sich zu lassen? Arnošt Goldflam und David Drábek diskutieren über ihre Theaterstücke, lesen aus ihren Texten und zeigen Ausschnitte aus ihren berühmten Inszenierungen. Zudem gibt es eine Gute-Nacht-Geschichte. Neben den Autoren liest Henning Bochert. Barbora Schnelle moderiert.

Schaubühne Programm

 

Sonntag, 18. 3. 2018

11:00 – 11:30 Uhr, Ort: Ostsüdost (Leipziger Buchmesse, Messegelände)

Kurzer Einblick in Hitlers Küche und andere Orte im Werk von Arnošt Goldflam

(Lesung und Gespräch mit Arnošt Goldflam)

Brünn als Drehscheibe der Weltgeschichte – vor hundert Jahren treffen auf dem Brünner Bahnhof Hitler und Stalin aufeinander, der kleine Junge George Tabori gerät dazwischen – ein Bühnenbericht. Moderation: Barbora Schnelle; neben dem Autor liest auch Henning Bochert.

13:00 – 13:30 Uhr, Tschechischer Messestand (Leipziger Buchmesse, Messegelände)

David Drábek und sein Stück „Klöten“ – Mut zur melodramatischen Vergangenheitsbewältigung

Das fiktive Porträt einer tschechischen Kugelstoßerin, die vor der Wende, vollgepumpt mit Dopingmitteln, Medaillen für die sozialistische Republik gewann und sich heute in einem Radio-Gespräch gern als Nationalheldin inszeniert. Moderation: Barbora Schnelle, es liest: Henning Bochert.

Veranstalter: Kulturministerium der Tschechischen Republik und Mährische Landesbibliothek

 

David Drábek wird zugleich Gast beim Festival Ein Stück: Tschechien 2018, am 06. Juni 2018 wird in der Festivalreihe sein Stück Klöten in der Galerie des Tschechischen Zentrums szenisch gelesen. Nähere Informationen folgen.

 

Biografien beider Autoren

 

David Drábek

(*1970) studierte Film- und Theaterwissenschaft an der Philosophischen Fakultät der Palacký-Universität in Olomouc. Als Dramaturg und Regisseur arbeitete er in mehreren Theatern, u. a. am Moravské divadlo/Mährischen Theater in Olomouc und am Theater Minor in Prag. Von 2008 bis 2017 war er künstlerischer Leiter des Klicperovo divadlo/Klicpera-Theaters in Hradec Králové.

Er ist ein vielseitiger Autor grotesker Theaterstücke und Cabarets, in denen er die melodramatische Welt der heutigen Medien unter die Lupe nimmt und sich stark mit der Mentalität der tschechischen Gesellschaft auseinandersetzt. Viele seiner Stücke bringt er selbst als Regisseur auf die Bühne, z. B. Hořící žirafy/Brennende Giraffen (UA 1994, 1. Platz beim Alfréd-Radok-Dramenwettbewerb), Jana z parku/Jana aus dem Park (UA 1995), Kosmická snídaně aneb Nebřenský/Kosmisches Frühstück oder Nebřenský (UA 1997), Kostlivec v silonkách/Knochenmann in Feinstrümpfen (UA 1999), Kostlivec: vzkříšení/Knochenmann: Auferstehung (UA 2003), Čtyřlístek!/Vierblättriges Kleeblatt (nach einem berühmten Kinder-Comic, UA 2004), Akvabely/Kunstschwimmer (UA 2005, 1. Platz beim Alfréd-Radok-Dramenwettbewerb 2004, deutsche UA 2010, Hessisches Staatstheater Wiesbaden; als Hörspiel: Kulturradio vom RBB, 2007), Sněhurka – Nová generace/Schneewittchen – Neue Generation (UA 2006), Planeta opic aneb Sourozenci Kaplanovi mezi chlupatci/Planet der Affen oder Die Geschwister Kaplan unter den Haarigen (UA 2006), Náměstí bratří Mašínů/Gebrüder-Mašín-Platz (UA 2009, 2. Platz beim Alfréd-Radok-Dramenwettbewerb 2008, 1. Platz für das beste inszenierte tschechische Stück des Jahres beim Alfréd-Radok-Preis 2009), Ještěři/Echsen (UA 2009), Sherlock Holmes: Vraždy vousatých žen/Sherlock Holmes: Morde der bärtigen Frauen (UA 2010), Koule/Klöten (UA 2011), Jedlíci čokolády/Schokoladenesser (UA 2011, 1. Platz für das beste inszenierte tschechische Stück des Jahres beim Alfréd-Radok-Preis 2011), Velká mořská víla/Die große Meerjungfrau (UA 2014) oder Unisex (UA 2015).

Er schreibt auch Hörspiele (z. B. Vykřičené domy/Anrüchige Häuser, Tschechischer Rundfunk Vltava 2007, Prix-Bohemia-Radio-Preis 2008) und arbeitet als Drehbuchautor für das tschechische Fernsehen (z. B. für die Kindersendung Kabaret z maringotky/Cabaret aus dem Zirkuswagen, 2010).

Sein Stück Koule/Klöten, zuerst als Hörspiel geschrieben, später als erweiterte Fassung am Klicpera-Theater von Drábek selbst sehr erfolgreich zur Uraufführung gebracht, erfuhr in der tschechischen Gesellschaft und in vielen Medien eine breite Resonanz, da es noch vor seiner Erstausstrahlung mit der bekannten sozialistischen Kugelstoßerin Helena Fibingerová in Verbindung gebracht wurde. Eine Klage des Tschechischen Athletischen Bundes wurde vom Gericht abgewiesen, und dem Werk wurden rein künstlerische Absichten bescheinigt.

David Drábek lebt als freier Autor in Dobřichovice bei Prag und ist ab der nächsten Spielzeit 2018/2019 als Hausregisseur und Autor beim Prager Verbund dreier Theater Městská divadla pražská tätig. Für das Theater Rokoko schreibt er zurzeit das Eröffnungsstück Iggy a Diana: Bojiště Praha/Iggy und Diana: Schlachtfeld Prag.

 

(Arnost Goldflam mit Familie. Foto: privat)

Arnošt Goldflam

(*1946) übte nach seinem abgebrochenen Medizin-Studium viele Berufe aus – er arbeitete als Gießer, Lagerist und Büroangestellter, widmete sich aber zunehmend bildender Kunst, Grafik und Keramik und wurde Mitglied der Künstlervereinigung Brněnská bohéma/Brünner Boheme. Später studierte er Theaterregie an der Janáček Akademie der musischen Künste in seiner Heimatstadt Brno (Brünn). Nach dem Abschluss 1976 fand er hier auch erste Engagements. In den Jahren 1978 – 1993 war er beim legendären Theater HaDivadlo tätig, dessen Ästhetik er stark prägte und für das er viele seiner grotesken Stücke schrieb – z. B. Návrat ztraceného syna/Rückkehr des verlorenen Sohnes (1983), Útržky z nedokončeného románu/Fragmente eines unvollendeten Romans (1985) oder Písek/Der Sand (1988). Zu seinen weiteren, auf dem Theater sehr erfolgreichen Stücken gehören z. B. Ředitelská lóže/Direktorenloge (2004, nominiert für den Alfréd-Radok-Preis), Dámská šatna/Damenumkleide (2005) oder Ženy a panenky/Frauen und Puppen (2009). Für sein Stück Modrá tvář/Das blaue Gesicht erhielt er 1993 den zweiten Platz beim Alfréd-Radok-Dramenwettbewerb, zwei seiner weiteren Stücke wurden nominiert. Für das Theater adaptierte er viele literarische Werke z. B. Kafkas Der Prozess und Die Verwandlung.

Er ist ein vielseitiger Künstler, neben seinen über 75 Theaterstücken und Adaptionen arbeitet er als Regisseur an diversen Theatern in der Tschechischen Republik, ist aber auch gefragter Schauspieler in Theater- und Filmproduktionen. Im tschechischen Fernsehen entwickelt er eigene Kultursendungen (z. B. Za dveřmi je A. G./Hinter der Tür ist A. G.), schreibt Erzählungen und Kinderbücher. Für sein Kinderbuch Tatínek není k zahození/Papa ist auch nicht schlecht erhielt er 2005 den Magnesia-Litera-Preis für das beste Buch in der Kategorie Kinder- und Jugendliteratur. Zu seinen weiteren Kinderbüchern gehören z. B. Tatínek 002/Papa 002 (2006, das Buch erhielt den Suk-Preis als Lieblingsbuch der Kinderleser), Standa a dům hrůzy/Stand und das Haus des Schreckens (2008), Pohádky o nepotřebných věcech/Märchen über unbrauchbare Sachen (2014) oder Příhoda málo uvěřitelná/Eine schwer zu glaubende Geschichte (2016).

Goldflam unterrichtete in den Jahre 1990 – 2013 Theaterregie an der Janáček Akademie der musischen Künste in Brno und ist heute als Gastprofessor für szenisches Schreiben an der Theaterakademie der musischen Künste in Prag.

Sein Stück Doma u Hitlerů aneb Historky z Hitlerovic kuchyně/Die Hitlers privat oder Geschichten aus Hitlers Küche wurde für den Alfréd Radok-Preis nominiert und 2007 als Kollektivinszenierung in Goldflams Stammtheater, dem HaDivadlo in Brno, uraufgeführt. Inspiriert durch ein Gespräch mit George Tabori, einem literarischen Wahlverwandten Goldflams, wird im Stück die Stadt Brünn satirisch als Drehscheibe der Weltgeschichte vorgestellt – vor hundert Jahren treffen auf dem Brünner Bahnhof Hitler und Stalin aufeinander, dazwischen gerät der kleine Junge George Tabori, der beim Umsteigen seiner Familie verloren geht. Goldflams historische Persiflage konfrontiert alltägliches Küchengeschwätz mit der historischen Tragödie der Nazizeit.

Goldflams jüdische Wurzeln spielen in seinem aktuellen Werk eine zunehmende Rolle. Neben seinem Stück Sladký Teresienstadt aneb Vůdce daroval Židům město/Süßes Theresienstadt oder Der Führer hat den Juden eine Stadt geschenkt (1999) gilt dies auf für sein zuletzt inszeniertes Stück Achich…/Oh weh…, das Goldflam für das Theater Divadlo F. X. Šaldy in Liberec (Reichenberg) schrieb und das dort in seiner Regie 2016 uraufgeführt wurde. Es erzählt die Geschichte eines jungen jüdischen Mannes, der durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts wandert.

 

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