Rückblick SCHUDOMA: Ich bin zu Hause

Bildschirmfoto der Konferenz um 10:05 Uhr
Die Teilnehmenden | Bildschirmfoto der Konferenz um 10:05 Uhr

Die Schudomastraße liegt in Berlin-Neukölln, in Böhmisch-Rixdorf, in das 1737 die ersten protestantischen Flüchtlinge aus Böhmen gekommen sind, um der Verfolgung in ihrer Heimat zu engehen. Die Gemeinde der Böhmischen Brüder ist dort heute noch präsent. Die Straße trägt den Namen des Kommunalpolitikers Johann Schudoma aus dem 19. Jahrhunderts. Wir benutzen ihn, inspiriert durch eine Erzählung der in Berlin lebenden tschechischen Schriftstellerin Dora Kaprálová, als eine Variante von Šu doma, also Su doma, in der heutigen tschechischen Sprache Jsem doma, auf Deutsch Ich bin zu Hause. Vielleicht hatte Johann Schudoma tschechische Wurzeln und sein Name genau diese Etymologie. Vor allem aber fragen wir: In welcher Sprache ist man zu Hause? Und wenn es mehrere sind, was macht das mit uns und wie äußert sich das im Prozess des Schreibens und Übersetzens? Die Böhmischen Brüder haben das Tschechische und das Deutsche sehr lange vermischt und ihre Sprache nach und nach an das Deutsche angepasst, davon zeugen die vielen Dokumente im Rixdorfer Archiv. Aber wie sieht es im heutigen Berlin aus? Welche sprachlichen Konstellationen ergeben sich in einem mehrsprachigen Kontext? Ab wann ist oder darf man in einer Sprache zu Hause sein?

Ausgehend von dieser Fragestellung haben wir unsere Werkstatt als einen Beitrag zu aktuellen kulturspezifischen Diskursen rund um die Themen Identität und Mehrsprachigkeit konzipiert. Für Drama Panorama war es die erste öffentliche Veranstaltung in 2021, dem zweiten Corona-Jahr, und es wurde bald klar, dass sie komplett digital abgehalten werden muss. Zuerst waren wir unsicher, ob die Zeit 10-17 Uhr unser Publikum nicht vergraulen würde. Umso dankbarer und erfreuter waren wir, als wir mit 20 ausgewählten Teilnehmenden, die ausnahmslos bis zum Schluss blieben, sehr gut besucht waren. Das Publikum – wiederum ein Vorteil der digitalen Zusammenkünfte – schaltete sich in Form von Interessierten und sogar namhaften Expert*innen aus Wien, Prag, Berlin, Dresden, Leipzig, Düsseldorf und Mondsee in Österreich zu.

Auszüge aus einem Interview mit Ben Yishai | https://henningbochert.de/?p=10791

Barbora Schnelle und Henning Bochert berichteten über ihre Erfahrungen mit mehrsprachigen Theaterstücken und Inszenierungen und erkundeten in ihrem Gespräch über die eigene Arbeit die Vorteile der besonderen Konstellation in ihrem Arbeitszusammenhang, in dem Barbora aus dem Tschechischen ins Deutsche übersetzt und Henning die Texte mit einem besonderen Blick auf die Theatralik und also „Haltung“ der Figurenrede redigiert. Beide zeigten konkrete Beispiele aus der Praxis, in der sich als Vorteil erwies, dass Henning des Tschechischen nicht mächtig ist. Ihrer Meinung nach schafft das sogar mehr Freiheiten in der Übertragung und einen genaueren Blick auf die dramatische Dynamik des Zieltextes. Zu einem guten Teil wird es immer ein dramaturgischer Blick, da die Texte ja auch für eine spezielle Funktion übersetzt werden: Sie werden im Rahmen des Festivals Ein Stück: Tschechien einem deutschsprachigen Publikum vorgestellt. Ihre Arbeiten verifizieren beide also sofort während der Proben.

Die Idee, mit einem Vortrag von Anita Jorí zu Vilém Flusser zu eröffnen, erwies sich als fruchtbar und weitsichtig. Gerade an der Schnittstelle von Theater und Übersetzung wirkten Anitas Übersicht über Flussers Gedanken zu Sprachen, Übersetzung und Gesten erhellend und anregend. Flusser hat wohl stets empirisch die eigene Arbeit reflektiert und zum Beispiel über die eigene Übersetzung seiner eigenen Arbeiten in andere Sprachen geschrieben, was sicher etwas anderes ist, als die Texte anderer zu übersetzen. Auch orientiert sich seine Arbeit stets am Wort und seinem Transfer in verschiedene Sprachen. Sein antiakademischer Stil wiederum waren immer Gegenstand von Kritik, aber auch Mittel zur Zugänglichkeit. https://www.flusser-archive.org/

Florent Golfier, Laura Brechmann | Bildschirmfoto

Letztlich waren es aber die Interventionen und kreativen Anregungen von Florent Golfier und Laura Brechmann zwischen den wortintensiven Vorträgen und Gesprächen, die langen Tag vor den Bildschirmen vielfältig und inspirierend werden ließen. Ihre körper- und kreativitätsorientierten Ansätze konnten die Teilnehmenden entspannen und auflockern und uns daran erinnern, worüber wir eigentlich sprechen: Theater sind Körper, die an einem Ort gemeinsam etwas erleben, und nicht nur Sprach- und Wortkraken, die sich durch das Internet wuseln und von ihren Theorien ernähren.

Barbora Schnelle, Olesia Vitiuk, Henning Bochert

Hier ist ein Video: