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Von Bibern und Geschlechtsteilen

Erfahrungsbericht des Mentoring-Programms von Drama Panorama

von Ruben Höppner

Es ist brühend heiß, unsere T-Shirts kleben – genauso wie die Worte, die wir aus der Rohübersetzung schälen wollen. Henning Bochert und ich sitzen uns gegenüber und denken nach. Die Stille ist laut. Erst nach zehn Minuten sagt einer ein Wort. Doch dann haben wir es, jetzt passt der Satz. Aber es ist nicht der mit dem bobřík, dem tschechischen Wort für Biber, das umgangssprachlich für Mutprobe steht, flektiert als bobřice aber auch abwertend für Vulva.

© Ruben Höppner

Das Programm
Drama Panorama bietet im Rahmen seiner Theaterübersetzungen ein Mentoring-Programm an. Vorerst im Zusammenhang mit dem Festival Ein Stück: Tschechien richtet es sich an Übersetzer:innen, die entweder noch wenig Erfahrung mit dem Übersetzen allgemein oder dem Theaterübersetzen im Speziellen haben. Ziel ist es, durch kooperatives Übersetzen einen nicht nur adäquaten, sondern vor allem bühnenreifen Text zu erarbeiten. Als Leitidee steht dahinter das Verständnis der Übersetzung als kommunikationsorientierte Methode. Dieser Fokus auf die kommunikativen Elemente von Sprache und Text hilft dabei, aus einem Theatertext, der für eine bestimmte Zielgruppe (Sprache 1) geschrieben wurde, in eine zweite Zielgruppe (Sprache 2) zu übertragen. Durch dialogisches Ausprobieren wird so der sensible Akt des Übersetzens auf mehrere Schultern verlagert – und das bietet einige Vorteile.

Das Projekt
Für Ein Stück: Tschechien, ein Festival des tschechischen Gegenwartstheaters in Berlin, wurde von mir – eigentlich Literaturübersetzer – ein Theaterstück aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen. Meine Mentorin für die tschechische Sprache war Barbora Schnelle, für die deutsche Sprache Henning Bochert. Die Besonderheit war dabei, dass Barbora Schnelles Muttersprache Tschechisch ist, sie also als Expertin für den Ausgangstext fungierte, und Henning Bochert kein Wort Tschechisch spricht, also ein pures Korrektiv des Zieltextes sein konnte.

Der Ausgangstext
Das Theaterstück Thelma a Selma der tschechischen Autorin Dagmar Radová ist vor allem ein feministisches Theaterstück. Es ist inspiriert vom Filmklassiker Thelma und Louise und thematisiert generationsübergreifend und aktuell die Gleichberechtigung und die persönliche Freiheit. Der Text ist schnell, hart und trotzdem feinfühlig. Doch durch eine Einbettung in die tschechische Kultur und tschechische Diskurse stellte er Barbora Schnelle, die Autorin und mich bei Prozess der Übertragung vor einige Probleme.

Der Zieltext
Der Zieltexte sollte für ein deutsches Publikum funktionieren. Dabei stellten wir uns immer wieder die Frage, wie viel Fremdheit wir den Zuschauer:innen zumuten können und wie weit wir uns vom Ausgangstext entfernen müssen, um eine Spielbarkeit und eine Verständlichkeitzu garantieren. Bei dieser Arbeit unterstützte mich Henning Bochert. In der Form des dialogischen Ausprobierens erprobten wir die von mir zuvor übersetzten Zeilen und erarbeiteten so dialogisch den fertigen Text. Das hatte den Vorteil, dass wir in unterschiedliche Rollen schlüpfen konnten und Henning meine vom Tschechischen beeinflusste Lesart des Textes wieder und wieder hinterfragte, während ich manche Satzstrukturen bereits als „normal“ empfand.

Die Herausforderung
Vermutlich bringt jeder Text, jede Form der Kommunikation seine eigenen Herausforderungen mit sich. Mal sind diese kleinteilig, hängen sich an einzelnen Worten oder der Syntax auf. Natürlich gab es diese auch bei Thelma und Selma. Wie das oben genannte Beispiel zeigte: Durch die Doppelbedeutung des tschechischen Wortes bobřík sollte zusammen mit dem Wort lovit [jagen] der semantische Doppelraum einer Biberjagd und der einer toxisch männlichen „Jagd“ auf Vaginas (bobřice), also Frauen, eröffnet werden. Die größte Herausforderung bestand jedoch darin, die für ein tschechisches Publikum gedachten Bilder, Themen und Diskurse für ein deutschsprachiges Publikum aufzubereiten. So schien es, dass die Brisanz, die das Stück vermutlich für ein tschechisches Publikum hatte, bei einem deutschsprachigen Publikum nicht hervorgerufen wurde. Außerdem – und das ist vermutlich ein großer Unterschied zum literarischen Übersetzen – musste die dramatische Inszenierung mitgedacht werden.

Die Lösung
Wir haben viele Lösungen gefunden. Während des Lösungsprozesses arbeiteten wir eng mit Barbora, Henning und der Autorin manche Stellen um oder passten sie feinfühlig an. Dabei fanden wir heraus, dass Fragen der Gleichstellung und des Status von Frauen und Männern, ganz zu schweigen von trans- oder intersexuellen Personen, sich, ganz allgemein gesagt, von der Situation im deutschsprachigen Raum unterscheiden und sich zum Beispiel in diesem Theaterstück niederschlagen. Diesen Unterschied der Diskurslagen darzustellen, ist Anliegen und Funktion des Festivals. Also entschieden wir uns an manchen Stellen für das verfremdende Element und übertrugen damit dem Publikum die Entscheidung über die Wertung, die wir im Prozess abgeben wollten.

Was bleibt, ist die wohl nicht neue, aber aktualisierte Erkenntnis, dass Übersetzung häufig am besten im Team funktioniert. Diese Form des kooperativen, Übersetzens bietet viel Potential und holt uns Übersetzer:innen noch einmal mehr aus dem sprichwörtlichen Kämmerchen. Denn wie am Ausgangstext als auch am Zieltext sind so mehrere Personen beteiligt. Bei einer Theaterübersetzung kommt noch die Produktionsphase und ihr Produktionsteam aus Regie, Dramaturgie, Ausstattung sowie die Schauspieler:innen hinzu. So ist es ein dialogisches Herantasten und nicht die Suche nach der absoluten Lösung. Also ein bobřík, eine Mutprobe, wenn man so will.

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