EIN STÜCK: TSCHECHIEN 2016 – die Autor*innen

Vier tschechische Theaterautor*innen kommen zu EIN STÜCK: TSCHECHIEN 2016 nach Berlin

   tomáš vůjtek čb

Foto: Komorní scéna Aréna

Tomáš Vůjtek (geb. 1967) ist tschechischer Dramatiker, Theaterdramaturg und Übersetzer. Er studierte an der Pädagogischen Fakultät in Ostrava und gründete zusammen mit Freunden nach seinem Studium die Theatergruppe Ostravská pohoda (Ostravaer Behaglichkeit, der Name war als Oxymoron gedacht), mit der er die ersten eigenen Texte inszenierte. Seit dem Ende der Neunziger arbeitet er mit professionellen Theatern in ganz Tschechien. Im Jahr 2005 trat er dem Ensemble von Komorní scéna Aréna als externer Dramaturg bei, seit der Theatersaison 2007/8 arbeitet er hier als fest angestellter Dramaturg.
Seine Stücke, die oft eine historisch-dokumentarische Grundlage haben, die auf satirische Weise mit der heutigen Zeit verknüpft wird, wurden vielfach ausgezeichnet, vor allem im Dramatik-Wettbewerb des Alfréd-Radok-Preises. Im Stück S nadějí i bez ní (Mit und ohne Hoffnung, ausgezeichnet 2009, UA im Theater Komorní scéna Aréna in Ostrava 2012) verarbeitet er die Erinnerungen von Josefa Slánská, der Ehefrau des im Jahr 1952 in einem stalinistischen Schauprozess hingerichteten kommunistischen Politikers Josef Slánský. Im Stück Slyšení (Die Anhörung, ausgezeichnet 2012, UA im gleichen Theater 2014), das beim diesjährigen Festival gastiert, beschäftigt sich der Autor mit dem Phänomen Adolf Eichmann im lokalen Kontext von Ostrava. Die beiden Stücke gehören zu einer Trilogie, und wie der Autor selbst sagt, handelt deren dritter Teil, das Stück Smíření (Die Versöhnung), „von Tschechen, die sich mit der Tatsache versöhnt haben, nach dem Krieg die Deutschen vertrieben zu haben“. Das Stück wird demnächst ebenfalls im Komorní scéna Aréna inszeniert. Vůjtek gehört in Tschechien zu den meistgefragten Theaterautoren der Gegenwart. In Pilsen wurde im letzten Jahr sein historisch-humoristisches Stück über den Gründer des tschechischen Autokonzerns ŠKODA! aufgeführt. Vůjtek arbeitet auch als Übersetzer von Lyrik und Theaterstücken aus dem Russischen und schreibt Texte für tschechische Musikbands.

Rudcenkova_foto lidovky Jan Zátorský

Foto: privat

Kateřina Rudčenková (geb. 1976) ist eine tschechische Lyrik-, Prosa- und Theaterautorin. Sie hat am Jaroslav-Ježek-Konservatorium (Fachrichtung Liedtexte und Drehbücher) sowie Ökonomie an der Tschechischen Agraruniversität in Prag studiert. Von ihr liegen vier Gedichtbände vor: Ludwig (1999), Není nutné, abyste mě navštěvoval (Nicht nötig, mich zu besuchen, 2001), Popel a slast (Asche und Lust, 2004) und Chůze po dunách (Gehen auf Dünen, 2013). Für Letzteres erhielt sie den Magnesia-Litera-Preis 2014 für Poesie, einen der wichtigsten tschechischen Literaturpreise. Ihre Erzählungen erschienen im Band Noci, noci (Nächte, Nächte, 2004). Ihr Theaterstück Niekur, für das sie 2006 den Alfréd-Radok-Preis erhielt, wurde im Prager Theater Ungelt im Jahr 2008 uraufgeführt. Im Immigrants‘ Theatre in New York fand 2008 eine szenische Lesung des Stücks Čas třešňového dýmu (Die Zeit des Kirschrauchs) statt. Im Jahr 2003 erhielt sie den Hubert-Burda-Preis für junge osteuropäische Lyrik. 2007 erhielt sie einen Residenzaufenthalt für ausländische Dramatiker*innen beim Royal Court Theatre in London. Sie nahm an vielen internationalen Literaturfestivals teil. Ihre direkten, sinnlichen Gedichte mit autobiografischen Konnotationen wurden in zwanzig Sprachen übersetzt, auf Deutsch erschien eine Auswahl unter dem Titel …nicht nötig, mich zu besuchen, Klagenfurt: Wieser Verlag, 2002, als zweisprachige Ausgabe.
rudcenkova.freehostia.com

Eliasova Helena_foto 2015

Foto: privat

Helena Eliášová (geb. 1987) studierte Dramaturgie an der Theaterakademie der musischen Künste und Medienstudien an der Karls-Universität in Prag. Erste Theaterstücke schrieb sie mit achtzehn. Zu ihren Themen gehören die Problematik der Subkulturen, der Identität, der Eingliederung in die Gesellschaft oder des Zerfalls der zwischenmenschlichen Beziehungen. Im Jahr 2007 wurde ihr Text Metal4ever beim Dramenwettbewerb Zlatá divadelní žába (Goldener Theaterfrosch) ausgezeichnet, der auf die Chancengleichheit von Frauen und Männern ausgerichtet ist. Das Stück wurde dann am Theater Letí im Rahmen des Projekts 8@8 szenisch gelesen. Im Jahr 2010 entstand ihr Stück Cyberlove im Rahmen der Autorenresidenz am Theater Letí und wurde dort aufgeführt. 2012 spielte das Theater Pidivadlo ihre Musikkomödie WE ARE THE TALENTS! Für ihre Stücke Hustler4U und Pátek o desáté (Freitag um zehn) gewann sie 2009 den Ewald-Schorm-Preis für junge Theatermacher. Ihr Stück Té noci (Diese Nacht) gewann den dritten Preis im tschechisch-slowakischen Wettbewerb DRÁMA 2010. Den gleichen Preis gewann sie 2012 mit ihrem Debut-Stück Tentazione. 2013 zeigte das Theater Letí auf dem Prager Güterbahnhof Žižkov eine szenische Lesung ihres Stücks Nádraží. Nikdy bych se nenarodil. (Bahnhof. Ich wäre niemals geboren.), das im Rahmen der Autorenresidenz des Zentrums für Gegenwartsdramatik entstand. Sie schreibt auch für den Tschechischen Rundfunk und übersetzt aus dem Deutschen. 2016 schrieb sie ihr aktuelles Stück Použití (Verwendung) als Geschenk an das Theater Letí zu dessen zehnjährigem Jubiläum, wo es öffentlich gelesen wurde.

Roman Sikora_1 (2)

Foto: privat

Roman Sikora (geb. 1970) ist tschechischer Dramatiker, Kulturredakteur und Theaterkritiker. Er studierte Regie und Dramaturgie an der Janáček-Akademie der musischen Künste in Brno. In seinen Theaterstücken reagiert er mit eigensinnigem Humor auf die aktuelle gesellschaftspolitische Situation und analysiert die Machtstrukturen einer von der Marktwirtschaft dominierten Gesellschaft. Für sein Stück Smetení Antigony (Antigone weggefegt) erhielt er 1998 den Alfréd-Radok-Preis (UA Studio Marta, Brno). Zu seinen weiteren Stücken gehören Sodomagomora! (UA 1995, Studio Marta, Brno), Tank (Der Panzer; UA 1996, Východoslovenské divadlo, Košice), Vlci (Die Wölfe; UA 1997, Theater Ganz an der Schnur, Brno), Nehybnost (Die Unbeweglichkeit; UA 1998, Theater Promiňte, Prag), Opory společnosti (Die Stützen der Gesellschaft; UA 2000, Theater Na zábradlí, Prag) sowie Smrt talentovaného vepře (Tod eines talentierten Schweins; UA 2008, Theater Polárka, Brno). Seine Stücke wurden in viele Sprachen übersetzt. Die tschechische Erstaufführung seines Stücks Zpověď masochisty (Bekenntnis eines Masochisten) fand 2011 am Prager Theater Letí statt. Dieses Stück ist zurzeit das meistgespielte tschechische Theaterstück auf ausländischen Bühnen, auf Deutsch wurde es 2011 beim Stückemarkt Berlin szenisch gelesen und danach zweimal inszeniert (Konzerttheater Bern 2013, Theater Dortmund 2015), in Polen wird das Stück gleich an fünf Theatern gespielt. Mit seinem nächsten Stück Pohřbívání (Das Begräbnis) sorgte Sikora für großes Aufsehen. In seiner fiktiven szenischen „Reportage“ berichtet er von der Beerdigung des ehemaligen Präsidenten Václav Klaus (UA 2012, Divadlo Feste, Brno). Das Stück Tři dny aneb Sestuv a vzestup pana B. (Drei Tage oder Abstieg und Aufstieg des Herrn B., UA 2014, Theater Letí, Prag) ist eine Art Fortsetzung von Sikoras Bekenntnis eines Masochisten – eine erneute Auseinandersetzung mit der globalisierten Marktwirtschaft und ihren skrupellosen Gesetzen. Zusammen mit Dodo Gombár hat Sikora das Funk-Musical Poleláři (Müllmänner) geschrieben (UA 2015 im Švanda-Theater). Im Auftrag des Schauspielhauses Graz schrieb er das Stück Na cestě k vítězství (Auf dem Weg zum Sieg, szenische Lesung im Graz 2015). Sikora unterrichtet szenisches Schreiben an der Theaterakademie der musischen Künste in Prag und lebt als freier Dramatiker.