Die Anthologie INTERNATIONALE QUEERE DRAMATIK: Zwischenstand

Von Lisa Wegener

Im zweiten Band der Buchreihe Drama Panorama, herausgegeben von Drama Panorama: Forum für Übersetzung e.V. und veröffentlicht im Neofelis Verlag (geplant für 2019/2010), sollen alternative künstlerische Positionen und nicht-binäre Realitäten in der zeitgenössischen Dramatik in den Fokus rücken. Einen entsprechenden Aufruf zur Stückeinsendung haben wir im Dezember 2017 international verbreitet. Unser Ziel war es, ein vielfältiges Korpus queerer Perspektiven zu versammeln, und anstatt den Begriff queer zu definieren formulierten wir skizzenhaft, welche politischen Perspektiven uns interessieren. Die große Vielfalt eingesandter Stücke liefert ein sprechendes Bild der unterschiedlichen Ausformungen des Diskurses.

GEDANKEN ZU DIESER ANTHOLOGIE

Die meisten Stadttheater werden weiterhin von Männern geleitet und mehr als acht von zehn Werke auf deutschsprachigen Bühnen stammen aus der Feder männlicher Autoren. Starke Frauenfiguren sind weiterhin spärlich vertreten und Figuren, die keinem der beiden Geschlechter zugeordnet werden können, quasi nicht existent. Zwar werden hierzulande mehr und mehr Stücke inszeniert, die Genderfragen behandeln oder homosexuelle Realitäten skizzieren, doch schreiben sich viele von ihnen in eine angloamerikanische oder europäische Tradition ein und/oder zeigen mehrheitsfähige Ausschnitte einer ansonsten subversiven Bewegung. In solchen Stücken erscheint der „domestizierte” Queer oft gezähmt oder entschärft, „defanged” (Campbell/Farrier nach Schildrick, 2016).

Eine Erklärung für den Mangel an queer-feministischen und dezidiert nicht-binären Perspektiven ist noch immer die soziale Struktur an Theaterhäusern und Ausbildungsstätten, aber auch die fortdauernde Diskriminierung radikaler Künstler*innen, die ihre Werke mangels entsprechender Bühnen oder auch aufgrund starker Repressalien, wenn man etwa in Länder des globalen Südens, des Balkans, des Nahen Ostens usw. schaut, einer Minderheit präsentieren. Diese zeichnet sich oft durch eine identische Milieuzugehörigkeit und eine hohe Identifikationsbereitschaft aus.

Neben dem Interesse für die politischen Implikationen treibt uns die Frage der Übersetzbarkeit an. Welche Sprache finden Sprecherinnen des Deutschen für radikal subjektive Positionen, die in ihrem Bestreben der Disidentifikation (Muñoz, 1999) die Universalität eines Diskurses völlig neu denken, und welche Entsprechungen für sein terminologisches Instrumentarium, die ästhetische Verfasstheit? Diese Dimension soll in speziellen Übersetzungswerkstätten mit Gelegenheit zu Austausch über inhaltliche und formale, historische, politische und sprachphilosophische Aspekte ausgelotet werden.

Eine häufige Schwierigkeit in der Übersetzung queerer Dramatik stellt das Konzept des „In-Between“, das „Zwischending“, dar. Bisweilen versteckt es sich im Sprechen selbst, ist Teil des ästhetischen Konzepts, des Narrativs usw. Aufgabe der Übersetzung ist die spielerische Nachdichtung des Phänomens, Voraussetzung hierfür sind umfangreiche Kenntnisse des Genres, eine gewisse Sensibilität im Umgang mit LGBTQIA*-spezifischer Terminologie und intertextuellen Referenzen. Der Übersetzung kommt eine vermittelnde Funktion zu, was insbesondere dort zum Tragen kommt, wo das empowernde Potenzial queerer Dramatik und nicht-binärer Konzepte auf Theaterbühnen oft publikumswirksamen Plots zum Opfer fallen.

An Theorien zur Dramenübersetzung mangelt es nicht, doch bevor wie uns (an anderer Stelle) mit Schwierigkeiten und kreativen Lösungsansätzen beschäftigen, soll das Korpus eingesandter Stücke zunächst zumindest ansatzweise einer Klassifikation unterzogen werden.

DAS KORPUS

Mehr als 130 Stücke aus über 24 verschiedenen Ländern haben uns in den letzten zwölf Monaten erreicht. Wir bemühten uns um Beiträge aus Kulturkreisen, in denen queere Kunst eine Seltenheit darstellt, denn Positionen, die etwa im Senegal als radikal gelten, wo gleichgeschlechtliche Beziehungen noch immer gesetzlich verboten sind (ein Gesetz, das übrigens noch aus der Kolonialzeit stammt) werden in, sagen wir, den Niederlanden, wo die „Homoehe“ und der dritte Geschlechtseintrag seit Jahren anerkannt sind, keine Wellen mehr schlagen. Leider zeigt sich, dass die Beiträge von Autor*innen aus dem sogenannten globalen Norden stark in der Überzahl sind.

Tatsächlich ergibt sich die Struktur des Korpus aus unserem eigenen Sprachenpool und den kulturellen Hintergründen, die unser Netzwerk abdecken (Drama Panorama, buerozwei.berlin usw.). Viele Stücke erreichten uns in einer englischen (Roh-)Übersetzung, was uns im Zuge der Auswertung zwar entgegenkam, jedoch Fragen der Repräsentation aufwirft. Die Hegemonie des Englischen muss hier immer mitgedacht werden, umso wichtiger ist es, in der Arbeit mit Sprachen, die den Diskurs um queere Identitäten seit langem bestimmen, globalisierte Narrative und Terminologien von Geschlecht und Feminismus nicht unhinterfragt zu reproduzieren.

Die obenstehende Graphik und damit die Nennung des Herkunftslands sind zudem nur bedingt repräsentativ, da zahlreiche Urheberinnen ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt nicht zuletzt aufgrund drohender Repression längst verlagert haben. Wo Austausch- und Reisebeziehungen mit dem Wort Globalisierung nicht mehr ausreichend umschrieben werden, spricht man in Zusammenhang mit Austausch- und Vernetzungsprozessen von Akteurinnen und Ideen, die wiederrum lokale Prozesse beeinflussen, heute von Translokalität. So können sich lokale LGBTQIA-Strukturen der angloamerikanischen Hegemonie zwar schwer entziehen, gleichzeitig bringen sie jedoch eben durch die Zirkulation von Künstler*innen, Aktivist*innen und Ideen neue Formen emanzipativer lokaler und imaginärer Strukturen hervor, die nicht selten in die Situation vor Ort zurückstrahlen.

DIE FORM

Die Frage nach der Herkunft führte uns zur Frage nach der Form: Das „Biopic“ ist zweifelsohne eines der beliebtesten Genres, darunter die Geschichte des Transgender-Jazzpianisten Billy Tipton, Soita minulle Billy (Heini Junkkaala), der im frühen Zwanzigsten Jahrhundert lebte und wirkte, oder das Stück Gertrude and Alice von Anna Chatterton und Evalyn Parry aus Kanada, in dem Gertrude Stein und ihre Partnerin Alice B. Toklas über Gertrudes Arbeit und Stellung in der Pariser Kunstszene philosophieren, oder auch Barbette von Bill Lengfelder, usw.

An zweiter Stelle rangiert die queere Performance oder Drag Show. Hier enthält der Stücktext meist genaue Beschreibungen der Bühne, inklusive der Requisiten, Bewegungen im Raum, der gesungenen Lieder, Interaktion mit dem Publikum, Make up und Perrücken. Während sie lange Zeit als subversives Genre galten, werden Drag Shows heute weltweit aufgeführt und Performer*innen „performen“ oft in englischer Sprache. Ein Klassiker ist No Strings attached des kanadischen Künstlers Sunny Drake, der die Vorherrschaft weißer, cis-männlicher Körper innerhalb der Schwulenszene thematisiert.

Darüber hinaus erreichten uns dokumentarische Stücke, Stücke für junges Publikum, naturalistische Stücke, Komödien, Historien-„Schinken“ sowie Bibel-, Klassiker- und Märchenadaptionen, wie Ishmael (Yasen Vasiliev), Orlando (Joeri Vos), Kassandra (Sergio Blanco), Splendids (Magdalena Barile), A home at the end of the world (Hanna Wieringen In koud water) und als Derivat der Popkultur: 55 shades of gay von Jeton Neziraj.

MOTIVE UND ERZÄHLUNGEN

In einem letzten Schritt haben wir das Korpus auf rekurrierende Motive und Erzählungen hin befragt:

THE IN-BETWEEN
„The In-Between“, oder Formen des „Zwischendings“, sind in vielen Stücken das zentrale Motiv, auf dessen Grundlage sich eine Geschichte entspannt. Blumen und andere Symbole aus der Natur dienen oft als Metapher für Intersexualität, genderqueere Identitäten und das (bisweilen changierende) Dazwischen, wie in dem kurzen Text Chou-Fleur von Servane Daniel über ein intersexuelles Kind, das bei seiner Geburt den Namen Chou-Fleur (Blumenkohl) erhielt, da es eben weder Blume noch Kohl, wohl aber „chou“ (goldig), ist. Die Symbolik illustriert hier den spielerischen Umgang mit der Unmöglichkeit eindeutiger Geschlechtszuweisung. In Le gène de l’orchidée von Lucie Vérot erscheint die Orchidee als Symbol für einen Ausweg aus der Zweigeschlechtlichkeit.

Die unendlichen Weiten utopischer, dystopischer und science-fiktionaler Welten sind der Schlüssel zu ungeahnter Kreativität: Das finnische Stück Taikanaksutin von Salla Viikka handelt von Hanna, die zum Zeitpunkt ihrer Geburt die „falsche“ Seelenfarbe zugewiesen bekommt. Ein außerirdisches, nicht-binäres Wesen fühlt sich schuldig und schenkt ihr eine Art Fernbedienung, den Super-Switcher, mit dem sie beliebig zwischen zwei Geschlechtern hin und her schalten kann. Das Finnische unterscheidet in der dritten Person Singular nicht zwischen weiblich oder männlich, sondern das neutrale „hän“ gilt für alle Geschlechter, was viele finnische Autor*innen dazu anregt, Genderthemen auf Grundlage dieser grammatikalischen Ambivalenz kreativ zu verhandeln (Salla Viikka, Emmy L. Karhu, Eeva Turunen usw.).

In Vers où nos Corps Célestes von Julie Ménard, das in Zusammenarbeit mit einer Astrophysikerin entstand, dekonstruieren die Menschen von morgen binäre Konzepte in einer „Sprache der Zukunft“. In Toen gingen we onder de grond zitten zeichnet Miriam Boolsen eine dystopische Welt, in der Religion und soziale Normen ad absurdum geführt werden. Eine Ahnung des „In-Between“ erscheint hier in Form abstrakter Offenheit.

QUEERE KÖRPER UND QUEERES BEGEHREN
Die politischen Aspekte von Körper und Begehren werden unter anderem anhand von Drogenexzessen (Drugs kept me alive Jan Fabre), Sexarbeit (Whore Jason Danino Holt) und Selbstzerstörung sowie Todessehnsucht (Angelstate Nina Rapi) verhandelt. Die Verletzlichkeit des queeren Körpers ist zentrales Thema in Urban Belinas Lazna Dojka, das von gesundheitlichen Problemen in Zusammenhang mit einer Geschlechtsangleichung handelt. Tuppergender des italienischen Performance-Duos Goghi&Goghi ist ein intersektionales Lehrstück über einen Trans-Jungen im Rollstuhl, das Stereotype über Transmenschen und solche über Menschen mit Behinderung mit charmanter Selbstironie gegeneinander ausspielt.

GESCHLECHTERPOLITIK
Vedrana Klepica (Bijeli Bubrezi. Distopija u 7 scena) und Asja Krsmanovic (Vakuum) finden starke Bilder für geschlechterpolitische Auseinandersetzungen in Nachkriegsgesellschaften. In Жените от портокаловите градини zeichnet Olya Stoyanowa prekäre Arbeits- und Ausbeutungsverhältnisse osteuropäischer Saisonarbeiterinnen nach. Das queere Subjekt und sein soziales Umfeld mit dem Topos Familie thematisiert Lejla Kalamujic in Ljudozderka.

In Kimsenin ölmediği bir günün ertesiydi von Ebru Celkan erzählt Umut (Hoffnung) von ihrer Mann-zu-Frau-Geschlechtsangleichung, den Reaktionen ihrer Familie, Prostitution, Drogen, alltäglichen Übergriffen durch die Polizei und Solidarität sowie Kampfeswillen in der Community. In Gender von Magne van den Berg philosophieren zwei Teenager über die nervenden und uncoolen sowie coolen und befreienden Aspekte geschlechterpolitischer Fragen.

META-STÜCKE
Auch sehr populär sind dramaturgische Metakonstrukte, die Geschlechterrollen im Zusammenhang des Theaterbetriebs reflektieren (Jotain Toista Milja Sarkola) – ein Verweis auf das Konzept Gender (soziales Geschlecht), als performte Kategorie. Auch Jen Silvermans Collectiv Rage: A Play in 5 Betties ist in gewisser Weise ein Metastück. In dieser tragisch-komischen Geschichte proben fünf Betties Shakespeares Stück im Stück Pyramus und Thisbe, ein Projekt das unter anderem in schonungslose Selbstreflexion und erwachendes queeres Begehren mündet. In Princess von Tjeerd Posthuma wehrt sich eine Theaterschauspielerin gegen die pornografischen Anweisungen ihres Regisseurs. Die inhärente Objektifizierung von Frauen wird auch hier in einem Stück im Stück thematisiert.

QUEERE LIEBE
Ein beliebtes Thema ist natürlich die Liebe. Magischer Realismus ist das Stilmittel der Wahl und gleichgeschlechtliche Liebe bis ins hohe Alter das Motiv in Kako je dobro videte te opet von Olga Dimitrijević. Auch das Serbische birgt sprachliche Offenheit, nämlich dann, wenn es um die Natur einer Beziehung zweier älterer Damen geht, die um die Anerkennung ihrer Liebe kämpfen. Michel Berettis Poisson braise erzählt die Liebesgeschichte zweier Frauen in einem subsahara-afrikanischen Land. Ihre Liebe zerbricht am Verbot homosexueller Liebe, einem Relikt der Kolonialzeit.

Under the skin von Yonathan Calderon ist ein eindringliches Stück über lesbische Liebe im Dritten Reich. Anneliese Kohlmann, Aufseherin in einem Konzentrationslager, verliebt sich in die jüdische Gefangene Lotte Rosner und versucht mit ihr zu fliehen. Die Flucht wird jedoch vereitelt und hat drastische Konsequenzen für Lotte. Nach Kriegsende wird Anneliese von ihrer Geliebten als Nazisoldatin entlarvt und von Alliierten gehängt.

FAZIT UND AUSBLICK

Wo die heteronormative und zweigeschlechtliche Norm zu bröckeln beginnt, entstehen neue Narrative für eine Zukunft, die Differenz zulässt, ohne zu diskriminieren. Visionen eines neuen Bewusstseins für Privilegien und Alternativen zu kulturellem und biologischem Essentialismus finden kreative Ausdrucksformen. Die hier vorgestellten Werke und noch viele weitere bilden das Korpus, aus dem die Anthologie Internationale queere Dramatik hervorgeht. Wir können an dieser Stelle nicht alle Stücke erwähnen, die uns relevant und eingängig erscheinen, hoffen aber, dass sie anderweitig Erwähnung oder sogar ihren Weg auf internationale Bühnen finden. Wir danken allen Autor*innen für ihre Einsendungen und würden uns freuen, auch in Zukunft von euch zu lesen. Die Shortlist wird einige Überraschungen bergen und in Kürze präsentiert. In der Zwischenzeit nehmen wir Anmerkungen, Kritik und Richtigstellungen gerne entgegen.

Hinweis: Der Aufsatz ist aus einem Vortrag im Rahmen der Konferenz TRANSLATING FEMINISM hervorgegangen, die im Mai 2018 in Glasgow stattfand.

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