Theater als Übersetzung in jeder Hinsicht: und im Blau zu verschwinden
von Gerda Poschmann-Reichenau

Ein ungewöhnlicher Theaterabend feiert am 13. März am Theater Duisburg Premiere im Rahmen des Theatertreffens beim Akzente-Festival: und im Blau zu verschwinden entstand ausgehend von Zsuzsa Bánks Roman Sterben im Sommer, ist aber weit entfernt von dem, was man üblicherweise unter „Dramatisierung“ oder „Bühnenadaption“ versteht. Es ist die Übersetzung eines literarischen Kunstwerks in ein theatrales.
Zusammen mit der Québecer Autorin und Schauspielerin Evelyne de la Chenelière, deren Werke ich seit über zwanzig Jahren übersetze, und dem Regisseur Kornelius Eich, der zwei ihrer Stücke in meiner Übersetzung am Frankfurter Theater Landungsbrücken erstaufgeführt hat, war ich im November 2023 mit diesem Projekt zu Gast am Staatstheater Mainz. Bei einer Künstlerresidenz konnten wir hier erste Grundlagen für diese Arbeit legen, zu der Evelyne Texte beiträgt, bei der sie aber auch als Darstellerin auf der Bühne steht. Dazu gewinnen konnten wir neben der Autorin Zsuzsa Bánk auch den wunderbaren Tänzer und erfahrenen, sensiblen Theatermenschen Lutz Förster. Die Schauspielerin Steffi Winner und die junge Amanda Kirchner, Mitglied des Duisburger Jugendclubs „Spieltrieb“, komplettieren das Team aus vier Generationen in Duisburg, wo das Projekt jetzt in die letzten Probenwochen geht.

Ich bin Dramaturgin und Übersetzerin. Dieses Projekt fordert mich in beiden Funktionen. Auf der Bühne werden zwei Sprachen gesprochen: Deutsch und Französisch. Evelyne spricht kein Deutsch, der Regisseur kaum Französisch. Wenn bei den Proben die Arbeitssprache Englisch – die auch im Stück einen oder zwei „Gastauftritte“ haben wird – an ihre Grenzen stößt, werde ich zur Dolmetscherin. Neben Passagen aus dem deutschen Roman von Zsuzsa Bánk finden auch Texte von Evelyne Verwendung: eine Passage aus ihrem Erzählungsband Les traits difficiles, den ich gerade übersetze, Dialoge aus einer musikalischen Produktion, die sie für Duisburg adaptiert, und Texte, die sie speziell für und im Blau zu verschwinden geschrieben hat. Wir entscheiden bei den Proben und in Konzeptionsgesprächen, welche Passagen davon in welcher Sprache zu Gehör gebracht werden. Der Theaterabend wird im Wesentlichen zweisprachig deutsch-französisch sein.
Thema der Romanvorlage sind Tod, Verlust und Trauer: Zsuzsa Bánk thematisiert Krankheit und Sterben ihres Vaters, beschreibt das Jahr vor und das nach seinem Tod – universelle Themen, die zugleich sehr Intimes anrühren und als einzigartig erlebt werden.
„Wenn uns diese Geschichte auswählt, wenn sie uns findet und zu Protagonisten macht, sind wir unvorbereitet, wissen nichts und können auf nichts zurückgreifen. Es zählt nicht, wenn andere das vor uns erlebt haben und wir daran teilhatten. Es zählt, dass wir es erleben. Nur wir erleben es so, nur wir erleben es auf unsere Art.“ (aus Sterben im Sommer)

Davon ausgehend rückt der Theaterabend das Phänomen des Übersetzens im weitesten Sinne in den Fokus – und damit grundsätzliche Fragen, die sich auch Autor*innen und Theatermacher*innen immer wieder stellen:
„Lässt sich, was man erlebt, in Sprache übersetzen? Und vermag Sprache die gelebte Erfahrung zu vertiefen? Wie vollzieht sich der Übergang vom erlebten Leben zum erzählten und dann zum geschriebenen? Und wie umgekehrt der Weg vom Geschriebenen zu seiner lebendigen, materiellen, pulsierenden Verkörperung auf einer Theaterbühne? Wie kommt es, dass unsere Leben erzählt werden, dass Erfahrung zu Sprache wird? Woher kommt unser Bedürfnis, aus dem Chaos der Erinnerung eine Ordnung zu erschaffen, und wie macht man aus diesem Chaos etwas, das sich teilen lässt und mitteilen, begreifen und ins Auge fassen?“ (aus unserem Dossier)
„Das Wichtigste, was ein Übersetzer treffen muss, ist die Atmosphäre des Buches. (…) Man muss sich ganz auf die innere Gestalt und den inneren Klang des Buches einlassen und das ist nur möglich, wenn man diese Gestalt und diesen Klang in sich nachbildet und mit dem Buch atmet.“
(Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte)

Mit dem Buch atmen: Es ist ein Abenteuer, auf das ich mich gemeinsam mit „meiner“ Autorin und „unserem“ Regisseur eingelassen habe. Die vierzehn Tage Residenz in Mainz und die drei Probenwochen letzten Sommer in Duisburg waren beglückend, inspiriert und inspirierend. Ein seltenes Glück, zusammen mit der Theaterautorin, deren Stücke ich seit mehr als zwei Jahrzehnten übersetze und die zur Freundin und Vertrauten geworden ist, an einem Theaterabend zu arbeiten. Ich freue mich auf die kommenden Wochen und bin gespannt auf die Premiere. Wer mehr erfahren möchte: Frank Weigand hat für plateforme.de zwei Interviews mit uns geführt – das erste während der Residenz in Mainz, das zweite während der ersten Probenphase in Duisburg.
Als Übersetzerin übertrage ich literarische Werke von einer Sprache in die andere. Als Dramaturgin begleite ich die „Übersetzung“ geschriebener Texte in die vielfältigen Sprachsysteme der Bühne. Bei und im Blau zu verschwinden kommt hinzu, dass die Vorlage kein Stück ist, sondern ein Roman. Wir wollen auf der Bühne nicht dessen Geschichte erzählen, sondern uns mit den Mitteln unserer „Sprachen“ (neben der gesprochenen Sprache sind das etwa Bewegung, Musik, Tanz, Licht etc.) seinem Kern annähern.
