Samstag, 10. Oktober 2026, ab 19 Uhr im Internationalen Theater Frankfurt
Szenische Lesungen der Stücke Ausgewohnt von Tomáš Ráliš, Trollmama von Hana D. Lehečková und Spottschau von Tomáš Dianiška – und Buchvorstellung Am Wannenrand. Tschechische Gegenwartsdramatik (Hrsg. Barbora Schnelle; Berlin, Neofelis: 2026)

Das Festival Ein Stück: Tschechien, veranstaltet von Drama Panorama e. V., ist eine seit 2014 bestehende Plattform für tschechisches Gegenwartstheater in Deutschland. Unter dem Motto Kritisch, queer und aktuell wurden drei szenische Lesungen tschechischer Gegenwartsdramen von Hana D. Lehečková, Tomáš Dianiška und Tomáš Ráliš im Rahmen des Festivals Ein Stück: Tschechien: Frankfurt-Spezial 2026 vorgestellt. Ein Publikumsgespräch bot den Zuschauern die Möglichkeit, mit den Autor*innen in den Dialog zu treten und anschließend noch im gemütlichen Foyer des Theaters zu feiern.




Anlässlich des Auftritts von Tschechien als Ehrengast der Buchmesse Frankfurt konnte Drama Panorama eine Spezialausgabe von Ein Stück: Tschechien mit drei Lesungen aktueller tschechischer Theaterstücke in deutscher Übersetzung zeigen.
In wenigen Stunden schufen Bühnenbildner Danila Korogodsky und Regisseur Eberhard Köhler mit dem Schauspielteam neue Lösungen der 2025 bereits in Berlin gezeigten Stücke für die Bühne im Internationalen Theater Frankfurt, indem sie diese mit Bierkästen und -flaschen als Spielelemente bestückten, die von einem Stück zum anderen den Bühnenraum deutlich verwandelten.

Tomáš Dianiška: Spottschau (orig. Transky, body, vteřiny, aus dem Tschechischen von Barbora Schnelle)
Das Stück ist inspiriert von der Lebensgeschichte der erfolgreichen Leichtathletin Zdena Koubková (1913-1986), die bei der Geburt fälschlicherweise zu einem Mädchen erklärt wurde. Koubková wurde in der damaligen Sportwelt als „Wonderwoman“ gefeiert und erzielte mehrere Weltrekorde (u. a. im 800-Meter-Lauf der Frauen). Im Jahr 1936 identifizierte ein Arzt sie als intersexuell, sie unterzog sich einer Geschlechtsumwandlung und wurde Zdeněk Koubek. Dianiškas Stück beschreibt neben dem Schicksal der Hauptfigur auch die Welt der 1930er Jahre mit ihrem zunehmenden Faschismus, durchdrungen von Homophobie, Transphobie und Geschlechterstereotypen. In seinem tragikomischen Stück präsentiert der Autor ein Mosaik aus wichtigen Momenten aus Zdeněk Koubeks Leben. Erfolgreiche sportliche Meilensteine wechseln sich mit emotionalen und intimen Momenten ab, die schließlich zu einem starken Coming-out der Hauptfigur führen. Die Inszenierung des Stücks am Petr-Bezruč-Theater in Ostrava gewann den Preis der Theaterkritik 2019 in den Kategorien Inszenierung des Jahres und Tschechisches Gegenwartsstück. Das Stück wurde 2024 sehr erfolgreich auch in New York aufgeführt.

Im Internationalen Theater ergaben Stühle und Stapel von Bierkästen ein großes u-förmiges Agora-Stadion auf der Bühne, in dem sich die Szenen entfalten konnten. Außerdem waren die Galerien über dem Publikum von Naomi Abukha und Henning Bochert als Reporter der Frauen-Weltspiele bespielbar, was den Raum lebendig aufzog.
Hana D. Leheckova: Trollmama (orig. Trollí matka, aus dem Tschechischen von Barbora Schnelle)
Eine ausgebrannte, alleinerziehende Mutter kämpft jeden Abend mit ihrer unzufriedenen und hungrigen Tochter, angebrannten Pfannkuchen und vor allem mit der virtuellen Realität, in der sie sich auf Online-Foren in eine Trollgöttin verwandelt. Mit Dutzenden, meist männlichen falschen Identitäten kontrolliert sie soziale Netzwerke, ruiniert den Ruf von Produkten und manipuliert die öffentliche Meinung – bis das große Angebot kommt, dass sie plötzlich in die reale Welt katapultiert. Die dystopische Satire der jungen angesehenen Prosaautorin über das Phänomen des Internettrollens entstand für das Theater Divadlo Letí in Prag, eine wichtige Schmiede des neuen Theaters in Tschechien.
Für dieses Stück versammelten wir die Elemente zu einer Spielinsel am Tisch aus Bierkästen mittig im ansonsten dunklen Bühnenraum digitaler Selbst- und Falschinszenierung, während im Hintergrund das heikle Gleichgewicht hoher Stuhlskulpturen auf riskante Identitäten und Existenzen verwies.

Tomáš Ráliš: Ausgewohnt (orig. Vyhubyt, aus dem Tschechischen von Maira Neubert)
Das Stück beschäftigt sich mit dem Thema Gentrifizierung des aktuellen Wohnungsmarktes und den Problemen der jungen Generation, eine Wohnung zu finden, in der sie eine Familie gründen kann. Ein junges Paar sieht sich zu immer absurderen Schritten gezwungen, um eine Wohnung mieten zu können, die sich nach und nach als schimmelige Bruchbude entpuppt, vom agilen und skrupellosen Makler jedoch als Luxus präsentiert wird. Die Wohnung wird jedoch dringend benötigt, denn in der leicht surrealen Handlung des Stücks sind inzwischen mehrere Kinder auf einmal geboren worden. Neben der Wohnungskrise behandelt das Stück mit Elementen des schwarzen Humors auch Themen wie den Kinderwunsch in der heutigen Welt, Partner- und Familienbeziehungen, den ständigen Leistungsdruck am Arbeitsplatz und die Notwendigkeit des beruflichen Aufstiegs, sowie Ageismus und Klassismus. Der Motor des Geschehens ist die kapitalistische Maschinerie, in der alles durch Angebot und Nachfrage geregelt wird. Und so beschließt auch das junge Paar, sich auf einen gewagten Tauschhandel einzulassen. Das Stück erhielt den Ewald-Schorm-Preis 2023.

Die Bierkästen türmten sich zu unerschwinglichen Immobilienobjekten und verwandelten sich in Einrichtungsobjekte, Kühlschränke und Krankenhausszenerie.
Bei einem Publikum von Tschechien- und Übersetzungsinteressierten fanden die scharfen Texte von Ausgewohnt von Tomáš Ráliš, Trollmama von Hana D. Lehečková und Spottschau von Tomáš Dianiška begeisterten Beifall und interessierte Nachgespräche mit den Autor*innen.
Im Anschluss: Publikumsgespräch mit allen Autor*innen und Buchpräsentation der neu erschienenen Anthologie der tschechischen Gegenwartsdramatik Am Wannenrand (Berlin: Neofelis, 2026), hrsg. von Barbora Schnelle in der Reihe Drama Panorama.
Regie: Eberhard Köhler
Bühnen/Ausstattung: Danila Korogodsky
Dramaturgie: Barbora Schnelle, Henning Bochert
Es spielen: Naomi Abukha, Henning Bochert, Thea Rasche, Alexandr Vajnstajn
Veranstalter: Drama Panorama: Forum für Übersetzung und Theater e. V.
Künstlerische Leitung/Produktion: Barbora Schnelle und Henning BochertAus dem Tschechischen von Maira Neubert
Regie: Eberhard Köhler
Bühne/Ausstattung: Danila Korogodsky
Dramaturgie: Barbora Schnelle, Henning Bochert
Es spielen: Naomi Abukha, Henning Bochert, Thea Rasche, Alexandr Vajnstajn
Wir danken dem gesamten Team , dem Theaterhaus Berlin für die Probenmöglichkeit, Johannes Schmidt und Neco Oestreich vom Internationalen Theater für die engagierte Unterstützung und vor allem dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds
Das Festival Ein Stück: Tschechien, veranstaltet von Drama Panorama e. V., ist eine Plattform für tschechisches Gegenwartstheater in Deutschland und findet seit 2014 in Berlin statt. Es stellt aktuelle tschechische Inszenierungen als Gastspiele vor und präsentiert szenische Lesungen aktueller Stücke tschechischer Gegenwartsdramatiker*innen, deren Texte eigens für das Festival ins Deutsche übersetzt und als Urlesungen präsentiert werden. Viele der für das Festival übersetzten Stücke wurden in Buchform in der Reihe Drama Panorama im Neofelis Verlag veröffentlicht.
Künstlerische Leitung und Produktion: Barbora Schnelle und Henning Bochert