Aus dem Ruder gelaufen

Theaterstücke aus Brasilien

von Michael Kleineidam

Nachdem Brasilien 2013 auf der Frankfurter Buchmesse einen großen Auftritt hatte und viel Aufmerksamkeit erfuhr, ist die Neugier auf das reiche kulturelle Leben dieses südamerikanischen Landes hierzulande etwas zurückgegangen. „Theater der Zeit“ hat nun das Fenster wieder ein wenig geöffnet und in „Dialog“, seiner Reihe über neue Dramatik aus aller Welt, ein Buch mit Theaterstücken aus Brasilien vorgelegt, das über die jüngeren Entwicklungen der dortigen Theaterlandschaft informiert. Der Herausgeber Henry Thorau ist Professor für Brasilianische und Portugiesische Kulturwissenschaft an der Universität Trier und Übersetzer von Augusto Boals Schriften und Theaterstücken.

Die Anthologie stellt sechs zwischen 2004 und 2017 entstandene und auf brasilianischen Bühnen erfolgreiche Theaterstücke vor, sechs unterschiedliche Stimmen zu Lebensgefühlen und Überlebensstrategien von Menschen, die sich, wie Henry Thorau anmerkt, meist an einem Abgrund bewegen.

Der Himmel fünf Minuten vor dem Sturm“ („O Céu Cinco Minutos Antes da Tempestade”, Übersetzung Michael Ulich) von Silvia Gomez ist ein bitterböses Drama über häusliche Pflege, schildert die Beziehung zwischen Denise, einer Frau unbestimmten Alters, und ihrer Krankenschwester und Mutter Isabel. Beide hassen sich mit Inbrunst. Die Krankenschwester glaubt, mit Psychopharmaka alles lösen zu können: „Es ist alles unter Kontrolle: Serotonin und Adrenalin. Motivation, Energie, Aufmerksamkeit, Impulse, Appetit, Libido, Stimmung, kognitive Funktionen“. Dann ist da noch der Arzt Arthur, Vater von Denise, der nach langer Zeit zu ihrem Geburtstag vorbeikommt. Denise ist für ihn der Himmel fünf Minuten vor dem Sturm. Das Stück ist auch die dissonante Geschichte einer Familie, deren Mitglieder sich nichts zu sagen haben und eigentlich alle immer nur eines wollen: loslaufen und nichts wie weg.
Silvia Gomez wurde 1977 in Belo Horizonte geboren, wo sie Theater- und Sozialwissenschaften studiert hat. Sie lebt heute in São Paulo, arbeitet als Journalistin und ist eine der bekanntesten Dramatikerinnen ihrer Generation.

Das Stück „Für Elise“ („Por Elise“, Übersetzung Katja Roloff) ist eine Kollektivschöpfung der Autorin, Schauspielerin und Performerin Grace Passô und Mitgliedern der Gruppe espanca! Noch ehe das erste Wort gesprochen wird, führt ein Mann auf der Bühne die harmonisch fließenden Bewegungen des Tai Chi Chuan aus – eine Einladung, die Hektik zu verlassen und in die Poesie des Theaters einzutauchen. In einer Montage lyrischer und dramatischer Szenen werden alltägliche und nicht alltägliche Geschichten über eine Reihe von Begegnungen gleichermaßen gewöhnlicher wie ungewöhnlicher Menschen erzählt: eine Hausfrau, die über ihren Nachbarn tratscht, ein Beamter, der – geschützt durch eine gepolsterte Uniform – sein Geld mit dem Töten kranker Hunde verdient, eine Frau, die ihren Hund verliert, ein Müllmann, der seinen Vater sucht, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat.
Hinzu kommen ein Hund, der Worte bellt, und ein Gas-Lieferwagenwagen, der Beethovens „Für Elise“ spielt; im Hinterhof herabfallende Avocados verbreiten Angst und Schrecken. „So ist das Leben eben …“ Man hätte auch die Geschichte der alten Frau erzählen können, der ein Salat im Körper wuchs, oder der Frau, die in einen Gully fiel. Und wenn das Stück zu Ende, die Applauszeremonie abgeschlossen ist, dann „war das gar nicht das Ende“.Die 1980 in Belo Horizonte geborene Grace Passô genießt in Brasilien als Autorin und Performerin inzwischen Kultstatus. Darüber hinaus arbeitet sie als Workshopleiterin und Dozentin für szenisches Schreiben, Regie und darstellendes Spiel.

Sergio Roveri lässt sein Stück „Hängepartie (mit Innenansichten)“ („Andaime (com vista para dentro“), Übersetzung: Ute Herrmanns) im Irgendwo zwischen Himmel und Erde auf einer Arbeitsbühne an der Fassade eines Wolkenkratzers spielen. Zwei Fensterputzer, Mario und Claudionor, unterhalten sich über alltägliche Dinge, denn wenn sie reden, „vergeht der Tag schneller“. Sie erzählen sich zwischen Zigarettenpausen von Männern, die nur schnell etwas erledigen wollen und nicht zurückkommen, über ihre Wünsche und Träume, in denen ein schwarzer Vogel das Seil der Arbeitsbühne anpickt. Sie reden auch über ihre Angst, dass ihre Arbeit wie in Japan durch Roboter erledigt werden könnte. Gelegentlich sind sie auch nicht gut aufeinander zu sprechen. Durch die Fenster beobachten sie die Leute, die in den Büros arbeiten oder ihre Körper nach den Anweisungen einer Gymnastiklehrerin trainieren. Fast unsichtbar für die anderen sind die beiden ihrerseits von unsichtbaren Mächten abhängig und bedroht. Ihr Chef blickt von oben auf sie herab.Sergio Roveri, Jahrgang 1960, ist Autor von mehr als zwei Dutzend Theaterstücken, von denen etliche ausgezeichnet wurden.

Paulo Santoro stellt seinem Drama „Das Ende aller Wunder“ („O Fim de Todos os Milagres”, Übersetzung Henry Thorau) ein Zitat eines Gedichtes von Manuel Bandeira voran: „Alles ist ein Wunder./Außer dem Tod/-gelobt sei der Tod, er ist das Ende aller Wunder.“ Zwei alte Menschen, ein Mann und eine Frau, sitzen in Rollstühlen auf der Bühne. Sie diskutieren Entscheidungen, die sie im Leben getroffen haben, können sich aber nur noch ungenau an alles erinnern. Haben sie geheiratet? War der Mann Professor? Sie erinnert sich nicht mehr und er ist unsicher, wieweit seine Erinnerungen der Wahrheit entsprechen. Sie betrauern ihr verstorbenes Kind und streiten ausgiebig miteinander über Sex mit Prostituierten. Beide stehen schon mit einem Fuß im Grab, sagen sie. Das Zweipersonenstück ist ein rhetorisch-intellektuelles, philosophisches Pingpongspiel mit Ausflügen ins Absurde. Der Text des 47-jährigen Santoro wurde außer ins Deutsche auch ins Englische, Spanische, Italienische, Französische und Mandarin übersetzt.

In „Fast verlorene Liebesmüh“ („Trabalhos de Amores Quase Perdidos”, Übersetzung: Isabella Parkinson) von Pedro Brício spielen vier Schauspielerinnen auf einer Theaterprobe ein Spiel, in dem sie gleichzeitig die Personen und die Erzählerinnen der Geschichte darstellen. Sie tauschen die Rollen und nehmen sich gegenseitig die Rollen weg. Die Abläufe sind sehr verwirrend, ebenso die Beziehungen der Personen untereinander. Es geht um die Jugend, um die Liebe in der Jugend und die Zerstörung aller Liebe. Vielfach dreht es sich darum, wer mit wem etwas hatte – und was.
Der 1972 in Rio de Janeiro geborene Schauspieler, Dramatiker und Theaterregisseur Pedro Brício gilt heute als eines der wichtigsten Gesichter des brasilianischen Theaters. Als Regisseur hat er u.a. Stücke von Albee und Becket auf die Bühne gebracht.

Newton Moreno ist 1968 im kargen, bitterarmen Nordosten Brasiliens geboren, wo auch sein Stück „Wüstes Land, Agreste (Malven-Rose)“ („Agreste (Malva Rosa)“ angesiedelt ist. „Agreste“ ist die bewegende Geschichte einer schicksalhaften Liebe. Zwei Personen treffen sich jahrelang regelmäßig an einem Zaun, der sie trennt. Fünf Meter Abstand halten sie, berühren sich nie. Plötzlich ist da ein immer größer werdendes Loch im Zaun. Die Frau nimmt allen Mut zusammen und schlüpft hindurch. Sie fassen sich an den Händen und rennen los mit dem Ziel, ans Meer zu gelangen. Doch sie rennen entgegengesetzt ins immer karger werdende Landesinnere, wo sie fast verloren gehen, bis eine fürsorgliche Frau sie rettet und in ein Dorf bringt. Dort bauen die Liebenden eine Hütte, werden einander vertraut, löschen das Licht der Petroleumlampe, leben zweiundzwanzig Jahre als Mann und Frau, eine Hochzeit ist geplant. Dann stirbt der eine. Sie vermag nicht, die Leichenwäsche vorzunehmen und ihn für das Begräbnis umzukleiden, da sie ihn nie nackt gesehen hatte. Sie kannte den Körper des Mannes nicht, den sie liebte. Als zwei alte Frauen helfen, zeigt sich: ihr Mann ist eine Frau. Von nun an ist alles anders. Das bislang angesehene Ehepaar wird zu hergelaufenen Ausreißern, die das Dorf in den Schmutz ziehen, der Priester verweigert das Begräbnis, der Polizist droht der Witwe, ihr Gesicht mit einem Zeichen zu brandmarken. Die Dörfler*innen rotten sich zusammen und setzen die Hütte in Brand, in deren Innern die Witwe für den Segen dankt, bei ihm den Tod zu finden. Sie küsst ihn auf den Mund, was sie sich zuvor nie getraut hatte – ein Happy End im Tod. Henry Thorau weist in seinem Vorwort darauf hin, dass die kraftvolle, oft lakonische Sprache in „Agreste“ stark von der Sprache des Nordostens Brasiliens, des Sertão, beeinflusst ist, in der Schreibung, Wortwahl und Grammatik von der akademischen Norm abweichen, und lobt die Übersetzung von Kaja Roloff in Zusammenarbeit mit Berthold Zilly und Senia Hasičević, die bewusst auf deutsche regionale Einfärbungen verzichtet, als eine bravouröse Leistung.

Betrachtet man das Theater als Widerschein einer Gesellschaft und sollten die sechs ausgewählten Theaterstücke über Hintergründe und Abgründe des Alltags in Brasilien repräsentativ sein, so befindet sich das Land in beunruhigender Lage: überall Resignation und Stagnation, und nirgends Gewissheit, Aufbruch, Zuversicht und Freude. Dabei werden in den Stücken die realen gesellschaftlichen Probleme wie soziale Ungleichheit, Rassismus, Gewalt und patriarchale Strukturen, wenn sie überhaupt erwähnt sind, individualisiert oder und auf eine Metaebene geschoben. Eine Veränderbarkeit der Verhältnisse liegt außerhalb der Vorstellungen.

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