Neue Übersetzungen internationaler Dramatik – Guinea-Bissau, Portugal, Kuba

Sonntag, 28.5.2023, English Theatre Berlin

Jacuzzi (Version Madrid): ©️ Gabriel Guerra Bianchini
Darstellende: Claudia Álvarez, Yadier Fernández, Yunior García.

15:00 Uhr
Guinea-Bissau: Dekolonisierung des Denkens

Abdulai Sila: Zwei Schüsse und ein Lachen
Aus dem Portugiesischen von Renate Heß

Mit einer Videobotschaft des Autors und anschließender Podiumsdiskussion mit der Übersetzerin
Moderation: Renate Heß
Einführung, Dramaturgie und Dolmetschen: Katja Roloff

Das 2013 entstandene Stück ist einer der ersten in Guinea-Bissau überhaupt veröffentlichten Bühnentexte. Inmitten gewaltsamer politischer Konflikte und Intrigen erzählt es den Werdegang des schlitzohrigen Kilin und seiner Weggefährt:innen. Mit vielen komödienhaften Elementen verhandeln die Figuren Themen wie Macht, Machtmissbrauch, ebenso wie die Dekolonisierung des Denkens und Handelns. Dabei spiegelt der Text unter anderem die Geschichte Guinea-Bissaus seit der Unabhängigkeit bis heute wider.   So erlebte das Land im Februar 2022 einen erneuten, ungeklärten Putschversuch. Auch in Silas Stück werden Gewalttaten geplant und angedroht. Doch Witz, Weisheit und Wortgewandtheit schaffen neue Wendungen.

Eintritt ist frei, aber um Anmeldung wird gebeten.


17:00 Uhr
Portugal: Medien in postfaktischen Zeiten

Rui Cardoso Martins: Neueste Nachrichten
Aus dem Portugiesischen von Niki Graça

Mit anschließender Podiumsdiskussion mit dem Autor und der Übersetzerin
Dramaturgie und Moderation: Niki Graça
Dolmetschen: Katja Roloff

Die satirische Komödie Neueste Nachrichten wurde Ende 2020 im Teatro Nacional D. Maria II in Lissabon uraufgeführt und steht bis heute immer wieder auf dem Spielplan. Das Stück spielt in den Redaktionsräumen der Tageszeitung „Neueste Nachrichten“, die sich in einer schweren Krise befindet. Die Gründe dafür sind wie überall bei den traditionellen Medien die gleichen: Der Verlust an Anzeigen und Leser:innen, die auf die sozialen Plattformen wechseln, Priorisierung der Wirtschaftlichkeit, politische Angriffe und Manipulationen, Fake News, etc. Das Stück setzt sich mit den Umbrüchen in der Medienlandschaft und den wirtschaftlichen Interessen dahinter auseinander. 

Eintritt ist frei, aber um Anmeldung wird gebeten.


20:00 Uhr
Kuba: Das Wasser von allen Seiten – Gegenwart im Theater und auf den Straßen

Yunior García Aguilera: Jacuzzi
Aus dem Spanischen von Miriam Denger

Mit anschließender Podiumsdiskussion mit dem Autor und der Übersetzerin

Dramaturgie: Miriam Denger
Dolmetschen: Stefan Gabriel

Gehen, bleiben, sich arrangieren oder etwas verändern? Stellvertretend für eine Generation junger Kubaner:innendiskutieren drei alte Freund:innen in Yunior Garcías autofiktionaler Komödie „Jacuzzi“ ihre Perspektiven in der gegenwärtigen, restriktiven kubanischen Gesellschaft. In der wohlig-beklemmenden Wärme einer zum Jacuzzi geadelten Badewanne brechen dabei schnell alte Wunden auf. Liebe, Sexualität, politische Überzeugungen und Ängste – alles kommt in diesem ebenso temporeichen wie intimen Spiel der Gegensätze zur Sprache. Die Rolle des Autors García als Dissident und prominentestem Gesicht der jüngsten Protestbewegung gegen das kubanische Regime verleiht dem Stück erneut Aktualität und Brisanz, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Ein Text, der wesentlich zum Verständnis der aktuellen Vorgänge im Karibikstaat Kuba beiträgt. 

Eintritt ist frei, aber um Anmeldung wird gebeten.


Regie der szenischen Lesung am Sonntag, 28.05.2023: Panni Néder

Es spielen: Philipp Droste, Sarah Günther, Iringó Réti
Special Guest (Monolog von Rogelio Orizondo, Kuba): Sophie Hutter

Jede Veranstaltung dauert ca. 90 Minuten. Zwischen den einzelnen Lesungen gibt es Pausen.
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Abdulai Sila ist eine der herausragenden literarischen Stimmen des westafrikanischen Landes Guinea-Bissau. Er studierte Elektrotechnik in der DDR (TU Dresden) und Informationstechnik in den USA. Zurück in Guinea-Bissau war er mehrere Jahre als Ingenieur tätig. 2013-2017 war Abdulai Sila Vorsitzender des Schriftstellerverbands von Guinea-Bissau und ist derzeit Präsident des PEN Guinea-Bissau. Beide Organisationen hat er mitgegründet. 2013 wurde Sila vom französischen Kultusministerium für sein schriftstellerisches Werk und sein kulturelles Engagement als Chevalier de l’Ordre des Arts et Lettres ausgezeichnet. Sein Drama Dois tiros e uma gargalhada (Bissau 2013; dt. Zwei Schüsse und ein Lachen) ist derzweite Teil einer Trilogie.

Foto: Aissatu Sila

Im ersten Teil, As orações de Mansata (Bissau 2007; dt. Die Gebete Mansatas), transponierte der Autor den Stoff von Shakespeares Macbeth in die postkoloniale Gegenwart Guinea-Bissaus. Seitdem sind, neben seinen Romanen, weitere Bühnentexte entstanden, so z.B. Kangalutas (Bissau 2018; dt.: Widrigkeiten/ Schicksalsschläge), Deih (Bissau, 2022; dt.: Innige Verbundenheit) und jüngst die Trilogia da Padjigada (dt. Trilogie des Abschieds), die im Mai diesen Jahres erscheint. Sila lebt als Schriftsteller und Verleger in Bissalanca, einem Dorf in der Nähe Bissaus.

Foto: Klaus Philipp

Renate Heß kam durch ihre Zeit als DAAD-Lektorin in Portugal zur Beschäftigung mit portugiesischsprachiger Literatur. Sie übersetzt vorrangig Prosa aus dem Portugiesischen ins Deutsche und ist Mitglied der Amilcar Cabral Gesellschaft e. V. In diesem Zusammenhang lernte sie den Autor Abdulai Sila (Guinea-Bissau) kennen und verfolgt seine Arbeit mit großem Interesse.

So entstand die Idee, sein zweites Theaterstück, eines der ersten aus Guinea-Bissau, zu übersetzen. Im März 2021 erschien Zwei Schüsse und ein Lachen in der Edition Noack & Block (Berlin). Heß’ jüngste Übersetzung von Silas Roman Die Tage von Kubukaré (Noack&Block, Berlin 2023; pt.: Memórias SOMânticas. Ku Si Mon editora, Bissau 2016) ist ab diesem Frühjahr verfügbar.


Rui Cardoso Martins ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Kolumnist und Universitätsdozent. Sein Roman Und wenn ich sehr gerne sterben würde(orig. E se eu gostasse muito de morrer) wurde in mehrere Sprachen übersetzt, 2019 wurde er auf dem Filmfestival in Venedig für das beste Drehbuch (für Das Landgut , orig. A Herdade, Regie: Tiago Guedes) nominiert, außerdem erhielt er in Portugal mehrere Literaturpreise. Die Uraufführung seines Theaterstücks Neueste Nachrichten (orig. Última Hora) fand 2020 im Teatro Nacional D. Maria II in Lissabon statt.

Photo: Vitorino Coragem
Foto: privat

Niki Graça ist Übersetzerin aus dem Portugiesischen, Jiddischen und Dänischen, außerdem arbeitet sie als freie Lektorin. An der UdK (damals HfbK) Berlin studierte sie Schauspiel und spielte danach an mehreren deutschen Bühnen (u.a. Freie Volksbühne Berlin, Schauspielhaus Bochum, Schauspielhaus Hamburg). 1989 legte sie in Berlin die staatliche Übersetzerprüfung ab. Neben Lyrik und Romanen (aus dem Portugiesischen und Jiddischen) hat sie auch mehrere Theaterstücke aus Brasilien und Portugal übersetzt bzw. übertitelt.


Yunior García Aguilera ist Absolvent des Instituto Superior de Arte (ISA) in Havanna, Dramatiker, Regisseur, Schauspieler, mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Wurde im Juli 2021 bei den landesweiten Demonstrationen gegen das kubanische Regime verhaftet, nachdem er bereits zuvor aktiv an den Protesten gegen eine weitere Einschränkung der Kunstfreiheit beteiligt war. Mitbegründer der Plattform „Archipiélago“, die sich für Demokratie und einen innerkubanischen Dialog einsetzt. Nach Aufrufen zur gewaltfreien Demonstration im November 2021 wurde der Dramatiker vom Regime zum „Staatsfeind Nr. 1“ erklärt und sah sich nach massiven Drohungen gegen seine Person zur Flucht gezwungen. Lebt heute in Madrid, wo er jüngst seinem Erfolgsstück Jacuzzi neues Leben eingehaucht hat. 

Foto: Toni Mateu
Foto: Ilja Mess

Miriam Denger ist freischaffende Übersetzerin, Dramaturgin und Autorin. Sie studierte Angewandte Theaterwissenschaften und Romanistik in Gießen und Pamplona (Spanien) und absolvierte eine theaterpädagogische Zusatzausbildung in Berlin. Als Dramaturgin und Theaterpädagogin war sie u. a. an den Stadt- und Staatstheatern in Eisenach, Meiningen, Konstanz und Würzburg sowie am Theaterhaus Jena tätig. Seit einem mehrmonatigen Kuba-Aufenthalt 2015 übersetzt und übertitelt sie Theaterstücke und Inszenierungen aus dem Spanischen, die kubanische Dramatik ist dabei einer ihrer Arbeitsschwerpunkte. Mehrere ihrer Übersetzungen sind in Anthologien in den Verlagen Neofelis und Theater der Zeit erschienen.


Künstlerische Projektleitung: Anna Galt, Charlotte Bomy und Barbora Schnelle
Produktionsleitung: Tine Elbel
Presse: Augustin PR

Mit diesem dreitägigen Lesungsfestival setzt Drama Panorama: Forum für Übersetzung und Theater e. V. die Veranstaltungsreihen PANORAMA #1 und PANORAMA #2: ÜBERTHEATERÜBERSETZEN, die in den Jahren 2021 und 2022, gefördert vom Deutschen Übersetzerfonds, erfolgreich stattgefunden haben, weiter fort.

Gefördert vom Deutschen Übersetzerfonds im Rahmen des Programms NEUSTART KULTUR der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Die Übersetzung des tschechischen Stücks „Sorex“ von Tomáš Ráliš wurde von der Akademie der musischen Künste in Prag gefördert. 

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