Anlässlich des 81. Gedenktages an die Befreiung von Auschwitz

Stephan Thiel liest
HIMMELWEG
Ein Theaterstück von Juan Mayorga
Aus dem Spanischen übersetzt von Stefanie Gerhold
Ein Schweizer Abgesandter des Internationalen Roten Kreuzes kommt in ein von den Nationalsozialisten als „Vorzeigelager“ eingerichtetes Konzentrationslager, um sich ein Bild von den Haftbedingungen zu machen. Der namenlose „Besucher“ ahnt, dass ihm etwas vorgemacht wird, als ihn der ebenfalls namenlose „Lagerkommandant“ persönlich und der „Bürgermeister“, namens Gershom Gottfried, durch die idyllische Anlage mit Park, Musikpavillon, Synagoge, Kinderspielplatz, den Bahnhof mit der berühmten Bahnhofsuhr, sowie die als Himmelweg bezeichnete Rampe zur Krankenstation und das Wäldchen am Fluss führen. Von seinen Begleitern geradezu genötigt, alles zu fotografieren, um die Bilder in seinem anschließenden Bericht in die Welt zu tragen, spürt der Berichterstatter von Beginn an, dass alles, was er an alltäglichem Leben beobachtet, wie extra für ihn inszeniert wirkt, um ihn unfreiwillig in eine von beiden „Funktionären“ vorbereitete Falle laufen zu lassen. Als er dann den Bericht für die internationale Öffentlichkeit verfasst, fragt er sich, welche Rolle ihm persönlich in diesem kunstvollen Manipulationsdreieck zukommt, denn er weiß, „was ich sehe, sieht die Welt“, und so wird ihm die eigene Erinnerung zum jede Nacht wiederkehrenden Albtraum.
Thematischer Ausgangspunkt für die Konstruktion dieses Stückes war für den Autor das wahnwitzige Unternehmen der Nazis, noch im August/September 1944 im Ghetto Theresienstadt einen Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ zu drehen, der aber, – kriegsbedingt – , öffentlich nie gezeigt wurde. Was Juan Mayorga vor dem Hintergrund der Geschichte thematisch existentiell beunruhigt, ist die abgründige Verknüpfung von Theater und Täuschung.
In der von Hedda Kage für die Lesung eingerichteten Fassung von HIMMELWEG übernimmt 1 Darsteller (Stephan Thiel) die drei Rollen im inszenierten Räderwerk der Täuschung über die unter den Augen der Welt stattfindende „Endlösung“. Was bleibt, ist die Erinnerung als unauflösbares Trauma.
Im Anschluss an die Lesung ist ein Publikumsgespräch mit der Übersetzerin vorgesehen.
Dienstag, 27.01.2025 | 20:00 Uhr
Theater unterm Dach
Danzigerstraße 105, 10405 Berlin
Juan Mayorga (geb.1965) zählt zu den wichtigsten Vertretern der neuen spanischen Dramatik. Als Regisseur, künstlerischer Leiter des Teatro de la Abadía in Madrid und Mitglied der Real Academia Española, wurde er 2022 mit einem der höchsten Literaturpreise seines Landes, dem Prinzessin-von-Asturien-Preis, ausgezeichnet. Durch sein Studium und spätere Lehraufträge in Münster und Berlin ist der Mathematiker und Philosoph (Promotion über Walter Benjamin) eng mit deutscher Kultur vertraut. Sieben seiner zahlreichen, mit Preisen bedachten und in viele Sprachen übersetzten Stücke hat Stefanie Gerhold ins Deutsche übertragen (Aufführungsrechte bei Hartmann & Stauffacher, Köln und beim Instituto Cervantes, Berlin). Für ihre Übersetzung des erfolgreichsten, bereits 2003 geschriebenen HIMMELWEG erhielt sie den Eurodram Preis 2023.
Karten und Reservierungen hier auf der Website des Theaters.
