67/871. Leningrader Blockade – Ein Erfahrungsbericht der Initiatorin und Dramaturgin Yvonne Griesel

Drama Panorama beschäftigt sich mit dem Kulturtransfer im Theater auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Translation im Theater, Dramenübersetzung und kulturelle Vermittlung zwischen Theaterkulturen sind nur einige Felder, mit denen wir täglich zu tun haben. Als Übersetzerin aus dem Russischen bin ich es gewohnt zu glätten, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, kulturelle Gräben zu überwinden, die der Kalte Krieg und die Weltkriege ausgehoben haben. Das macht meinen Beruf aus, das macht den Reiz aus und ich mache es gerne.

Es gibt jedoch Momente, da verstummt man einfach. Da steht man hilflos vor den Trümmern, die die Geschichte in den Herzen der russischen Freund:innen geschlagen hat und weiß nicht, wie man weitermachen soll.

DIE LENINGRADER BLOCKADE IST EIN SOLCHER MOMENT.

Svetlana Smirnova-Katsagadzhieva mit Stepan Begetov, Susanne Hoss, Zenya Anisimov, Elena Polyakova | Bild: Ofa Feldman

„Weit über eine Millionen Menschen sind zwischen dem 8. September 1941 und dem 25. Januar 1944 in der von der Wehrmacht eingeschlossenen Stadt Leningrad ums Leben gekommen. Die Erinnerung an eines der schwersten Kriegsverbrechen der Wehrmacht könnte in Russland und Deutschland nicht unterschiedlicher sein. In der einst belagerten Stadt gibt es eine Art verordnete Erinnerung an die Blockada. Die Zeit des Leidens wird als Heldengeschichte erzählt. Opfergeschichten haben bei der Schilderung des siegreichen Kampfes gegen den Faschismus kaum Platz. In Deutschland hingegen, droht die Erinnerung an die Blockade ganz zu verblassen. Sie ist eine Leerstelle in der Erinnerung. Ist eine Verständigung über diese große Katastrophe noch möglich?“

Andreas Rüttenauer

Die unterschiedlichen Erinnerungsperspektiven, das Verschwinden eines Verbrechens auf der einen Seite und die Stilisierung der Befreiung auf der anderen, haben mich zu der Frage veranlasst, inwieweit Verständigung zwischen deutschen und russischen Nachkommen der Kriegsgeneration überhaupt möglich ist und wie sie aussehen könnte. Solange es kein Bewusstsein für die unterschiedliche Wahrnehmung von Verbrechen wie der Leningrader Blockade gibt, wird ein tiefes Verständnis für einander schwierig bleiben.

„67/871“ ist der Versuch einen Graben zu überwinden. Dabei arbeiten deutsche und russische Schauspieler:innen zusammen an dem Text, den die Moskauer Theatermacherin Elena Gremina aus dokumentarischem Material kompiliert hat. In ihrer Arbeit für das Moskauer Teatr.doc, das regelmäßig Repressionen ausgesetzt ist, beschäftigte sie sich häufig mit Geschichte vor dem Hintergrund staatlich manipulierter Narrative.

Zum Jahrestag des Beginns der Blockade am 8. September 2017 wurde das Stück im Theater unterm Dach in Berlin uraufgeführt. Die russische Premiere fand im Teatr Pokoleniy in St. Petersburg zum Jahrestag der Befreiung der Stadt am 27.1.2018 statt.

Das Projekt

Im April 2017 begann das Projekt mit einer Recherchephase, in der Dokumente zusammengetragen, ausgewählt und übersetzt wurden und die russischen Schauspieler:innen des Teatr Pokoleniy persönliche Gespräche und Interviews mit ihren Großeltern und anderen Zeitzeug:innen der Blockade in ihrem Familienumfeld führten. Drama-Panorama-Mitglieder führten ebenfalls Interviews in Berlin mit Überlebenden der Blockade, die im Russischen Haus organisiert sind. Das gesammelte Interview- und Archivmaterial wurde von der renommierten Moskauer Theaterautorin Elena Gremina (1956-2018) in ihrem letzten Stück „67/871“ zu „871 Tage der Blockada in 67 Geschichten“ verdichtet. Diese mutige und großartige Dramatikerin starb leider am 16.5.2018 in Moskau und konnte die Inszenierung selbst nicht mehr sehen.

Stepan Begetov | Blid: Ofa Feldman

Zum Jahrestag des Beginns der Blockade (8.9.2017) fanden im Theater unterm Dach in Berlin die Premiere und drei weitere Aufführungen statt. In St. Petersburg wurde die russische Erstaufführung zum Jahrestag der Befreiung der Stadt (28.1.2018) zum ersten Mal gezeigt. Im Juli 2018 war das Stück als Gastspiel im Moskauer Teatr.doc zu sehen, das Theater, das Elena Gremina gegründet hatte.

2019 wurde die Inszenierung nach Stralsund zum Festival Biennale Theater Hanse (27.09.2019) eingeladen, zu den Heidelberger Theatertagen (8./9.11.2019) und noch einmal in Berlin (25.09.2019) im Theater unterm Dach gezeigt. Am 27. Januar 2020 (Tag der Befreiung) wurde die russischsprachige Fassung vor einem überausverkauften Saal noch einmal in St. Petersburg und vor 400 Schülern im Theater na Finlandskom gespielt. Nach sehr erfolgreichen Aufführungen in St. Petersburg, Berlin und Moskau wurde die Inszenierung auf die Longlist der Goldenen Maske in Russland und ins Repertoire des Teatr Pokoleniy in St. Petersburg aufgenommen, wo sie bis heute regelmäßig vor ausverkauftem Haus gezeigt wird. Im Dokumentarfilm „Teatralnij Mir Eberharda Köhlera/Die Theaterwelt von Eberhard Köhler“ von Polina Soldatenkova (Mai 2020) spielt die Inszenierung von „67/871“ eine Schlüsselrolle.

Theaterpädagogischer Teil des Projektes

Das Projekt wurde von einer theaterpädagogischer Zusammenarbeit mit dem Schiller-Gymnasium in Berlin unter der Leitung der Theaterpädagoginnen Sabrina Kutz und Lena Petersen begleitet. Beteiligt war eine 12. Klasse des Schiller-Gymnasiums mit einem Workshop im Theater unterm Dach, die sich ebenfalls mit den Dokumenten beschäftigte und gemeinsam mit den russischen Schauspieler:innen einen Abend zum Thema entwickelten. Ein ebenfalls geplanter Austausch mit Schüler:innen aus St. Petersburg konnte aufgrund von fehlenden Finanzmitteln bisher nicht realisiert werden.

Zum einen ging es zunächst darum, sich dem historischen Geschehen zu nähern. Zum anderen konnten Schüler:innen durch die Auseinandersetzung mit der Kunstform des dokumentarischen Theaters erleben, dass ein Sachkontext durch die künstlerische Umformung und Abstraktion neu erschlossen werden kann. Somit wurden sie gleichzeitig damit konfrontiert und in die Verantwortung dafür genommen, dass auch sie im Umgang mit den historischen Quellen Teil einer Inszenierung und auch Instrumentalisierung historischer Ereignisse sind. Die Auseinandersetzung mit realen Quellen und deren Einbettung in den künstlerischen Kontext machte deutlich, dass es nicht eine historische Wahrheit gibt, sondern unterschiedliche Wahrnehmungen. Begleitend zu den Aufführungen wurden von Sabrina Kutz, Lena Petersen und Daria Malygina vorbereitende Einführungen, Nachgespräche sowie ein vermittelnder Workshop für Schüler:innen durchgeführt. Unabhängig von den länderspezifischen Schwerpunkten ist die Blockade Leningrads kein fester Bestandteil des Unterrichts in Deutschland. Dies spiegelt sich in den gängigen Lehrwerken wieder und macht deutlich, warum diese Themenwahl besonders dazu geeignet ist, sich mit dem konstruktivistischen Element von Geschichtsschreibung auseinanderzusetzen. Geschichte kann mit theaterpädagogischen, praktischen Erfahrungen in einem anderen, tiefergehenden Maße für Schüler:innen erfahrbar gemacht werden.

Der Theaterabend wurde von den Teilnehmer:innen des Workshops ganz anders wahrgenommen, nachdem sie die Arbeitsweise des dokumentarischen Theaters und einige Theaterzeichen selbst erfahren hatten.

Die Sprachmittlung

Symptomatisch für unser Projekt, das sich mit der Vermittlung auf allen Ebenen und somit einer Überbrückung der kulturellen Gräben ein hohes Ziel gesetzt hatte, war der erste Probentag in Petersburg. Alle russischen und deutschen Beteiligten saßen am Tisch und fingen an, über das Projekt zu sprechen.

Eberhard Köhler, Yvonne Griesel mit einem der Blokadniki | Bild: Ofa Feldman

Russischer Schauspieler:

„Das ist ja nun wirklich ein alter Hut, wie oft haben wir nun schon über die Blockade geredet, gelesen, gespielt… Kann man nicht endlich mal einen frischen Stoff bearbeiten?“

Russische Schauspielerin:

„Genau, das ist ja wirklich ein alter Hut, wen interessiert das denn?“

Deutsche Dramaturgin:

„In Deutschland weiß fast niemand, was die Leningrade Blockade ist. In der Schule wird nur Stalingrad thematisiert, die meisten Menschen, außer den in der DDR sozialisierten, wissen überhaupt nicht, dass es dieses Verbrechen der Nazis gegeben hat.“

Entsetztes Schweigen.

„Das ist nicht euer Ernst, das sollen wir zusammen hinkriegen?“

Andreas Rüttenauer schaltet sich ein und erklärt ruhig und lange, wie alles zusammenhängt, mit welchen „Begründungen“ an deutschen Schulen die Leningrader Blockade im Gegensatz zur Schlacht um Stalingrad im Geschichtsunterricht ausgespart wird, welche Rolle Friedrich Albert Foertsch, General der Wehrmacht, spielt. Er war einer der Generäle, die das Kommando bei der Leningrader Blockade hatten. Dass er dann nach dem Krieg weiter Karriere in der Bundeswehr machen konnte und von 1961 bis 1963 sogar der zweite Generalinspekteur der Bundeswehr war, erklärt vielleicht, warum die Leningrader Blockade im kulturellen Gedächtnis der Deutschen keine Rolle spielt und es bis auf einen Spiegelartikel keinerlei Dokumente und Unterlagen in der Akte von Friedrich Foertsch gibt.

Es wird gedolmetscht, übersetzt, getröstet, erklärt.

Dann starten wir. Danila Korogodsky und Eberhard Köhler, ein seit Jahren eingespieltes russisch-deutsches Team in Regie und Bühnenbild, stellen sich der Aufgabe. Für Danila Korogodsky ist es eine besondere Herausforderung: Seine Mutter hat die Blockade miterlebt. Zunächst nimmt sich Elena Gremina der 500 Seiten transkribierten Lebenserfahrungen, Briefe etc. an und macht daraus ein Stück. Dann wird es übersetzt und den deutschen Beteiligten gezeigt. Es ist ein ständiges Ausloten, Aussprechen und Überbordwerfen von Vorurteilen. Während der Proben wird gedolmetscht, die Dolmetscherinnen laufen mit auf der Bühne herum, sitzen neben dem Regisseur, manchmal wechselt das ganze Ensemble ins Englische. Dabei bleiben die Nuancen auf der Strecke, es geht zurück ins Russische. Die Lebenserinnerungen der eigenen Verwanden werden auf der Bühne dargestellt, es geht an die persönlichen Grenzen. Die deutsche Schauspielerin Susanne Hoss versteht zwar Russisch, fühlt sich aber oft alleingelassen. Sie verkörpert als Einzige das Deutsche auf der Bühne, ein deutscher Schauspieler ist abgesprungen, auch ihre emotionale Grenze wird fast überschritten. Es ist sehr schwer, eine gemeinsame Brücke zu schlagen. Die deutsch-russische Regieassistentin Daria Malygina bleibt an ihrer Seite. Galina Klimova lebt in Moskau und ist immer online und bereit, Texte ins Russische zu übersetzen, Irina Bondas ist in Berlin, Yvonne Griesel in St. Petersburg, es entsteht ein Text, der immer wieder von einer Sprache in die andere übersetzt wird.

Danila Korogodsky, Susanne Hoss | Bild: Ofa Feldman

Nach einer intensiven, sehr emotionalen Probenphase steht ein 90-minütiges Stück, das in Deutschland zur Premiere kommt.

Wie kann man das in Deutschland sprachlich übertragen?

Die zentrale Frage, die sich stellt: Wie kann die russische Sprache auf der Bühne vermittelt werden und wo wird das deutsche Publikum abgeholt? Das Stück erklärt nichts, es lebt als Dokumentartheaterstück von seinen Dokumenten, aber da die Leningrader Blockade in Deutschland ein totgeschwiegenes Kapitel ist, muss die Vermittlung viel früher anfangen.

Wir müssen das deutsche Publikum abholen, wo es steht. Ganz am Anfang. Also beschließen wir, dass Andreas Rüttenauer, Journalist, der osteuropäische Geschichte studiert hat, eine historische Einführung gibt. Er nimmt das Publikum in Empfang und ordnet 15 Minuten lang ein, wie es zur Blockade kam, warum welche Mächte beteiligt waren und wieso wir in Deutschland dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte totschweigen.

Dann wird das Publikum in den Theatersaal gelassen, die erste Viertelstunde steht es auf der Bühne mitten im Kreis um die Schauspieler:innen. Es werden Gedichte auf Deutsch und Russisch rezitiert, geflüstert, geschrien. Nichts wird übersetzt, die Sprache wirkt als solche auf das Publikum ein, aber die Gedichte werden dem Publikum auf einem Faltblatt auf Russisch und Deutsch in die Hand gegeben. Sie können es später lesen, wenn sie den Abend Revue passieren lassen.

Die ersten Szenen entstehen im Gedränge, es kann nicht übertitelt werden, also wird gedolmetscht. Mit sanfter Stimme spreche ich per Mikrofon in die Lücken, die mir die russischen Schauspieler:innen lassen. Sie sträuben sich erst, dann fangen wir an, miteinander zu spielen, es beginnt, Spaß zu machen. In meiner Rolle möchte ich keine Blicke auf mich ziehen, während sie mir beim Spielen den nötigen Raum zum Dolmetschen geben sollen. Es braucht einige Proben, viel Vertrauen, einige Gläser Wein und Wodka am Abend, viel Lachen und ein wenig Sich-selbst-nicht-ganz-so-ernst-nehmen, dann haben wir es geschafft. Dann wird das Publikum auf die Plätze gelassen, sie sollen das auf ihrem Gedichtblatt aufgeklebte Reiskorn in einen kleinen Spielzeuglaster legen, es symbolisiert einen Menschen, der ihnen nahesteht. Daraufhin werden 1,2 Mio. Reiskörner auf die Bühne geschüttet – so viele Menschen sind in der Blockade verhungert, erfroren und erschossen worden. Es ist mucksmäuschenstill im Theater, Schluchzer sind zu hören.

Zur Premiere ist auch die Gruppe der Blockadeüberlebenden aus Berlin eingeladen. Ein russischer Schauspieler erklärt dem Publikum, dass der Reis diese Opfer verkörpert. Er geht spontan auf das Publikum ein, ich dolmetsche ihn und spüre, wie beim Klang der deutschen Sprache ein Schauer durch den Saal läuft, ich mache meine Stimme so weich, wie ich kann. Es funktioniert, aber in dem Moment wird mir noch einmal die Tragweite von Sprache bewusst.

Die zweite Hälfte wird übertitelt, wir projizieren an verschiedene Stellen auf der Bühne, ich muss die Geschichten verkürzen. Die Schauspieler:innen fangen an zu improvisieren, spüren, dass ein guter Teil des Publikums Russisch versteht, ich folge ihnen. Jetzt überlassen wir ihnen stimmlich die Bühne. Das ist auch nötig.

Die Blockadezeit zeichnet sich durch Hunger, Kälte, aber auch Dunkelheit aus, es gab kein Licht in der Stadt. Die Menschen hatten phosphoreszierende Anstecker, damit sie sich nicht gegenseitig umliefen. Diese Dunkelheit wird von Eberhard Köhler und Danila Korogodsky als ein Element auf die Bühne gebracht. Wir versuchen zu übertiteln, zerstören aber mit der Projektion die Lichtstimmung, also sind wir glücklich, dass wir das Dolmetschen eingeführt haben und nutzen es an dieser Stelle noch einmal.

In der letzten Szene hört man nur den Brief eines jungen deutschen Kampffliegers, der seine Eindrücke schildert und begeistert nach Hause schreibt, wie er St. Petersburg bombardiert, dabei kreist auf der Bühne ein Licht. Dann blenden wir sein Foto ein. Eine kurze Pause, danach sprechen die Übertitel für sich allein und bedanken sich namentlich bei allen Blockadeüberlebenden, die uns für dieses Projekt ein Interview gegeben haben.

Susanne Hoss mit Stepan Begetov, Elena Polyakova, Zenya Anisimov, Svetlana Smirnova-Katsagadzhieva | Bild: Ofa Feldman

Wie kann man das in Russland sprachlich übertragen?

Die Premiere in St. Petersburg folgte im Jahr darauf. Die Sprachübertragung folgt dem erarbeiteten Muster, nur umgekehrt: es wird Russisch übertitelt, Regieassistent und Schauspieler Valentin Lewitzky übernimmt das Einsprechen. Die historische Einführung entfällt, da in Russland jedes Kind über die Blockade Bescheid weiß. Landet man in Petersburg, steht man direkt vor einem Monument „Leningrad – Stadt der Helden“. Das ist die gängige Erzählung; das Aushungern der Bevölkerung, warum man nicht aufgegeben hat und der Kannibalismus – das wird eher verschwiegen.

Unser Projekt begann ja auch gleich damit, dass ein russischer Bekannter in Berlin zu mir sagte: „Da mache ich bestimmt nicht mit, wenn Deutsche sich anmaßen, uns Russen etwas über die Blockade beizubringen“, und kaum in St. Petersburg angekommen, sagte ein russischer Schauspieler zu mir: „Lass mich raten, wir machen jetzt mal so ein richtig schön kritisches Stück, wo ihr Deutschen uns was zum Kannibalismus beibringt und dann selber weinen müsst.“

Schmerz und Ohnmacht auf beiden Seiten. Unwissenheit, Misstrauen und Verletztheit machen das Aufeinanderzugehen schwer. Die gemeinsame Arbeit muss langsam und behutsam aufgebaut werden. Der Berliner Bekannte blieb bei seiner Ablehnung und hat sich das Stück nicht angeschaut, die russischen Kolleg:innen haben sich eingelassen und wir haben einen gemeinsamen Weg gefunden.

Der gemeinsame Weg

Wir haben uns bemüht, gemeinsam als Gruppe mit einer russischen Dramatikerin, russischen und deutschen Schauspieler:innen, einem deutschen Regisseur, einem russischen Regieassistenten, einer deutschen Dramaturgin, einer deutschen Übersetzerin, einer russischen Übersetzerin, einer ukrainisch-deutschen Dolmetscherin, einer russischen Hospitantin, einem deutschen Historiker, einer russischen Historikerin dieses schwierige Feld zu beackern. Leicht war es nicht.

In St. Petersburg waren es die Bilder und Worte, die Sprachen, die Stimme des deutschen Jagdfliegers am Schluss, die allen die Kehle zuschnürten. In Russland weinten junge Menschen einfach laut auf, in Deutschland schluckten sie schweigend.

Susanne Hoss, Svetlana Smirnova-Katsagadzhieva, Elena Polyakova, Zenya Anisimov, Stepan Begetov | Bild: Ofa Feldman

Fazit

Wir haben sicher keine Gräben zugeschüttet, aber hier und da ein kleines Brett hinübergelegt. Die „Berliner Blockadniki“ liefen nach der Premiere einfach mit ihren Krücken über die Bühne in die Garderobe und nahmen die Schauspieler:innen in den Arm. In Petersburg ging eine 90-jährige Überlebende zum deutschen Regisseur und bedankte sich. Wir können es nicht ungeschehen machen, aber wir können immer wieder versuchen, dass nicht vergessen wird, dass wir uns erinnern.

Wenn es dem Theater gelingt, einen kleinen Schritt aufeinanderzuzugehen, dann ist man auch bereit, die Nächte durchzuarbeiten, durchzudiskutieren, durchzuübersetzen und zu dolmetschen, bis die Stimme versagt. Eine derart vielfältige und auch tiefgehende Kulturvermittlung kann man im Theater nur äußerst selten umsetzen. Aber dadurch, dass wir in diesem Drama-Panorama-Projekt bewusst einen Schwerpunkt auf die Kulturmittlung legen konnten und im Regisseur Eberhard Köhler einen interkulturell sehr erfahrenen Regisseur als Partner hatten, der für alle innovativen Ideen offen ist, konnten wir alles ausprobieren und ein ganzheitliches Konzept entwickeln. Für mich war das etwas ganz Besonderes, etwas Einzigartiges, und ich bin sehr glücklich, dass ich es ausprobieren durfte. So würde ich mir Translation im Theater immer wünschen.

Blokadniki – Blockade-Überlebende | Bild: Ofa Feldman

67/871 Leningrader Blockade

Dokumentartheater von Elena Gremina

Eine Gemeinschaftsproduktion von Drama Panorama e. V. (Berlin)
und Teatr Pokoleniy (Sankt Petersburg), gefördert von der EVZ und der Bundeszentrale für politische Bildung.

Regie: Eberhard Köhler
Darsteller:innen: Susanne Hoss, Elena Polyakova, Stepan Beketov, Aleksei Chuev, Zenya Anisimov, Svetlana Smirnova-Katsagadzhieva sowie die Stimme von Philon Griesel
Bühne/Kostüm: Danila Korogodsky
Sounds: Simon Ho
Dramaturgie: Yvonne Griesel
Assistenz: Daria Malygina
Historische Recherche, dramaturgische Beratung: Andreas Rüttenauer
Theaterpädagogik: Sabrina Kutz, Lena Peterson mit Hilfe von Daria Malygina
Übersetzung: Galina Klimowa, Yvonne Griesel und Irina Bondas
Technik/Assistenz Russland: Valentin Levitsky
Licht: Nikita Gechan und Ksenya Kozevnikova
Fotografie: Olga Feldmann
Produktionsleitung: Barbara Anna Bernsmeier


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