67/871 Leningrader Blockade

67 Geschichten aus 871 Tagen der Blokada

Dokumentartheater von Elena Gremina
Regie: Eberhard Köhler

Eine Gemeinschaftsproduktion von Drama Panorama e. V. (Berlin) und Teatr Pokoleniy (Sankt Petersburg)

Theater unterm Dach
Freitag     08.09.2017, 20 Uhr – Uraufführung
Samstag  09.09.2017, 20 Uhr
Sonntag   10.09.2017, 20 Uhr

(historische Einführung für Interessierte eine Stunde vor Beginn der Aufführung)

 

Angreifer im Siegeswahn. Unterlegene Verteidiger. Helden, die zu Verlierern werden. Opfer, die zu Helden stilisiert werden. Erinnerungen an Hunger. Dokumente des Vernichtungswahns. Überlegenheitsdenken, das in Mordfantasien mündet. Und Überlebensstrategien, die zu schier unmenschlichen Entscheidungen nötigen. Extreme Befehle, die zu extremem Leiden führen. Heldenfiguren, die zu Verlierern werden, um am Ende doch wieder zu gewinnen. Nazis, Sowjets, Menschen. 67/871 ist ein Theaterabend der Extreme.

Weit über eine Million Menschen sind zwischen dem 8. September 1941 und dem 25. Januar 1944 in der von der Wehrmacht eingeschlossenen Stadt Leningrad ums Leben gekommen. Die Erinnerung an eines der schwersten Kriegsverbrechen der Wehrmacht könnte in Russland und Deutschland nicht unterschiedlicher sein. In der einst belagerten Stadt gibt es eine Art verordnete Erinnerung an die „Blokada“. Die Zeit des Leidens wird als Heldengeschichte erzählt. Opfergeschichten haben bei der Schilderung des siegreichen Kampfes gegen des Faschismus kaum Platz. In Deutschland droht die Erinnerung an die Blockade ganz zu verblassen. Sie ist eine Leerstelle in der Erinnerung. Ist eine Verständigung über diese große Katastrophe noch möglich? Die russisch-deutsche Koproduktion 67/871 möchte genau das ausloten.

Regisseur Eberhard Köhler arbeitet seit vielen Jahren mit dem St. Petersburger Off-Theater Pokoleniy zusammen. Er weiß um die verschiedenen Geschichtsnarrative in Deutschland und Russland. Er hat sich mit Zeugnissen von Überlebenden der Blokada beschäftigt, einige von ihnen getroffen. „Seither spüre ich durchaus eine hohe persönliche Verantwortung“, sagt er, „umso mehr, da mein Großvater ein überzeugter Nationalsozialist und Hauptmann der deutschen Wehrmacht war“. Dass einer der Hauptverantwortlichen für die Blockade, ein hoher Wehrmachtsgeneral, später zum höchsten Militär der Bundesrepublik werden konnte, gehört für ihn zu dem Teil der Geschichte, der genauso wenig in Vergessenheit geraten dürfe wie die Erinnerung an die Opfer der Blockade.

Für Danila Korogodsky, Bühnenbildner und Künstlerischer Leiter des Teatr Pokoleniy in St. Petersburg, stellt die Blockade eine zutiefst persönliche Geschichte dar. „Meine Mutter“, sagt er, „hat den schrecklichsten Blockadewinter in der Stadt durchlebt und wurde im April 1942 über die Straße des Lebens aus der Stadt gebracht. Mein Großvater weigerte sich, die belagerte Stadt zu verlassen, und starb nach dem Durchbruch der Blockade an den Folgen des Hungers.“ Als Professor für Bühnenbild in den USA hat ihn die Geschichte seiner Familie in der eingeschlossenen Stadt immer begleitet. „Die Blockade war immer Teil von mir, sie war, wo ich auch war“, sagt er.

Die unterschiedlichen Erinnerungsperspektiven, das Verschwinden eines Verbrechens auf der einen Seite und die Stilisierung der Befreiung auf der anderen, hat Yvonne Griesel zu der Frage veranlasst, inwieweit Verständigung zwischen deutschen und russischen Nachkommen der Kriegsgeneration überhaupt möglich ist. Die Dramaturgin und Initiatorin des Projekts weiß, wie schwer es bisweilen ist, „die Gräben zwischen unseren Ländern zu überwinden.“ Sie meint: Solange es kein Bewusstsein für die unterschiedliche Wahrnehmung von Verbrechen wie der Blockade gebe, werde „ein tiefes Verständnis für einander immer schwierig bleiben“.

67/871 ist der Versuch, einen Graben zu überwinden. Dabei arbeiten deutsche und russische SchauspielerInnen zusammen an dem Text, den die Moskauer Theatermacherin Elena Gremina aus dokumentarischem Material gebaut hat. In ihrer Arbeit für das Moskauer Teatr.doc, das regelmäßig Repressionen ausgesetzt ist, beschäftigt sie sich regelmäßig mit Geschichte vor dem Hintergrund staatlich manipulierter Narrative.

Zum Jahrestag des Beginns der Blockade am 8. September 2017 wird das Stück im Theater unterm Dach in Berlin Premiere haben. Die russische Premiere wird im Teatr Pokoleniy in St. Petersburg zum Jahrestag der Befreiung der Stadt am 27.01.2018 stattfinden.

DarstellerInnen: Susanne Hoss, Elena Polyakova, Stepan Beketov, Zenya Anisimov, Svetlana Smirnova
Sounds: Simon Ho
Bühne/Kostüm: Danila Korogodsky
Dramaturgie: Yvonne Griesel
Recherche: Andreas Rüttenauer
Übersetzung: Irina Bondas, Yvonne Griesel, Galina Klimowa
Technik: Valentin Levitskiy
Produktionsleitung: Barbara Anna Bernsmeier

Das Projekt wird von der Stiftung Erinnerung – Verantwortung – Zukunft sowie der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert.

Kontakt: info@drama-panorama.com

Presse:

Sich der Wahrheit nähern – Ein Beitrag von Andreas Rüttenauer in der taz.

Kannibalismus in höchster Verzweiflung – Interview mit Eberhard Köhler in Neues Deutschland