EIN STÜCK: TSCHECHIEN 2016

22. und 23. Juni 2016, Berlin

Zeitgenössische Theaterstücke aus Tschechien zu Gast in Berlin: Drama Panorama e. V. und Tschechisches Zentrum Berlin veranstalten ein zweitägiges Festival tschechischer Gegenwartsdramatik – Ein Stück: Tschechien 2016.

Pressemitteilung PDF

Nach dem gelungenen Auftakt 2014 stellt in diesem Jahr das biennale Festival tschechischer Gegenwartsdramatik Ein Stück: Tschechien im Juni erneut aktuelle tschechische Theaterstücke vor.

In der Tschechischen Republik gibt es eine neue Generation von Theaterautoren, deren Texte eine Relevanz für den gesamteuropäischen Raum besitzen und die dennoch im Ausland kaum bekannt sind. Der Berliner Verein Drama Panorama: Forum für Übersetzung und Theater e. V., in Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Zentrum Berlin, will mit seinem zweitägigen Festival Ein Stück: Tschechien diese Lücke schließen.

Am 22. Juni 2016 werden im Tschechischen Zentrum Berlin drei tschechische Gegenwartsstücke in deutscher Übersetzung szenisch gelesen und mit den Autor*innen diskutiert. Am zweiten Tag des Festivals, am 23. Juni 2016, gastiert im Theater unterm Dach ein tschechisches Theater mit der Inszenierung eines tschechischen Gegenwartsdramas.

Zu Gast bei den szenischen Lesungen ist diesmal die angesehene und vielfach ausgezeichnete (vor allem mit dem höchsten tschechischen Literaturpreis Magnesia Litera 2014) tschechische Lyrikerin und Dramatikerin Kateřina Rudčenková. Ihr Stück Niekur ist ein „dramatisches Gedicht“ über die Liebesbeziehung zwischen einer jungen tschechischen Schriftstellerin und einem älteren, bereits etablierten litauischen Dichter während ihrer Autorenresidenz in Deutschland, inspiriert durch Ernst Jandls Sprechoper Aus der Fremde. Das mehrsprachige und sprachlich verspielte Stück wurde mit dem Alfréd-Radok-Preis ausgezeichnet.

Auch der zurzeit im Ausland meistgespielte tschechische Dramatiker Roman Sikora wird mit seinem Kurzstück Auf dem Weg zum Sieg bei den szenischen Lesungen vertreten sein. Das Stück entstand im Auftrag vom Schauspielhaus Graz und untersucht auf bitter-satirische Weise die Mentalität der Kriegsmaschinerie. Tonda und Alois, zwei tschechische Soldaten der k. u. k. Armee im Ersten Weltkrieg, reisen nachts mit dem Zug an die ukrainische Front. Sie werden von ihren Erlebnissen im Krieg und geheimen Sehnsüchten wachgehalten, bis der eine dem anderen ein makabres Mitbringsel aus Thalerhof unter die Nase hält. Sikora gilt in Tschechien als einer der politischsten Autoren der Gegenwart, in seinen Stücken entlarvt er auf ironische Weise die Entmenschlichung der neoliberalen Gesellschaft. Seine Figuren sprechen eine künstliche, zerhackte Sprache, die alltägliche Redewendungen und Idiome zerlegt und neu montiert.

Die junge tschechische Dramatikerin Helena Eliášová, Preisträgerin des Evald-Schorm-Preises, kommt mit ihrer aktuellen „existentiellen Cyberkomödie“ Cyberlove, die die Verschmelzung des realen und kybernetischen Lebensraums thematisiert. Darin versucht der Computer-Freak IT-Hans durch seine Programmierkunst, die Welt der Technik grundlegend zu verändern, entfernt sich jedoch immer weiter von der Realität und wird dicker. Als es ihm gelingt, die Pornodarstellerin aus einem Computer-Spiel zum Leben zu erwecken, wird er von der Computerrealität überrollt. Eliášová ist seit ihrem achtzehnten Lebensjahr in der tschechischen Theaterszene als Dramatikerin präsent, sie beschreibt die Generationskonflikte ihrer Zeitgenossen und widmet sich Themen wie Identitätssuche, Ausgrenzung oder Zerfall zwischenmenschlicher Beziehungen.

Das diesjährige Gastspiel kommt mit dem preisgekrönten Stück Die Anhörung von Tomáš Vůjtek in der Regie von Ivan Krejčí vom tschechischen Theater Komorní scéna Aréna aus Ostrava. Das Stück versetzt die Figur von Adolf Eichmann nach Ostrava und konfrontiert sie mit dem lokalen Geschehen.

Adolf Eichmann wartet auf einen Termin bei niemand Geringerem als Gott. Seiner Sache ist er sich sicher. Vor dem Publikum erläutert er seine Taten anhand seiner Erinnerungen. Vůjtek stellt Aussagen aus dem Eichmann-Prozess in Jerusalem Gesprächen gegenüber, die Eichmann in Argentinien in jovialem Ton mit Willem Sassen führte. Der Autor verlegt Eichmanns „Geschichte“ in die tschechische Provinz und bringt seine Taten mit dem historischen Geschehen in Ostrava in Verbindung. Außerdem gibt es Vlastička, eine einfache tschechische Frau aus dem Volk, die sich mit jedem Regime arrangiert und jeweils ihren Vorteil daraus zieht. Vůjtek nutzt das Thema für eine Reihe satirischer Momente – so taucht im Stück etwa eine gelungene Persiflage der Wannsee-Konferenz auf. Das Stück endet in der Gegenwart und verweist auf das fortgesetzte antisemitische Denken heute.

Der Regisseur Ivan Krejčí arbeitet schon seit Jahren erfolgreich mit dem Dramatiker Tomáš Vůjtek zusammen. Das Stück Die Anhörung (auf Tschechisch Slyšení) inszeniert er mit seiner einfühlsamen Methode der langsamen Öffnung dramatischer Situationen und steigert die Bewegung auf der Bühne allmählich in Richtung Zuschauerraum. Die Schauspieler des eingespielten Ensembles agieren in präzise stilisierten Gesten, allen voran Marek Cisovský in der Hauptrolle.

Die Anhörung erhielt 2016 als beste Inszenierung des Jahres den „Preis der Theaterzeitung“ (Cena Divadelních novin) und belegte bei dem angesehenen tschechischen „Preis der Theaterkritik“ (Cena divadelní kritiky) gleich dreimal den ersten Platz: als beste Inszenierung des Jahres, bestes uraufgeführtes tschechisches Theaterstück des Jahres und Marek Cisovský in der Rolle des Eichmann als bester Darsteller. Bei dieser Preisverleihung wurde das Theater Komorní scéna Aréna auch zum Theater des Jahres gekürt!

Festivalprogramm

Mittwoch, 22. Juni 2016, 19:30 Uhr
Tschechisches Zentrum Berlin, Wilhelmstraße 44/Eingang Mohrenstraße, 10117 Berlin

Kateřina Rudčenková: Niekur (aus dem Tschechischen von Doris Kouba)

Roman Sikora: Auf dem Weg zum Sieg (aus dem Tschechischen von Barbora Schnelle)

Helena Eliášová: Cyberlove (aus dem Tschechischen von Doris Kouba)

Szenische Lesungen (z. T. gekürzter Fassungen) der Stücke mit einem anschließenden Publikumsgespräch mit den Autor*innen.

Einrichtung der szenischen Lesungen: Eberhard Köhler

Eintritt frei

Anschließend wird der Publikumspreis des Festivals verliehen.

Donnerstag, 23. Juni 2016, 20:00 Uhr
Theater unterm Dach, Danziger Straße 101, 10405 Berlin

Die Anhörung
von Tomáš Vůjtek

Theater Komorní scéna Aréna, Ostrava, Tschechische Republik
In tschechischer Sprache mit Simultanverdolmetschung ins Deutsche
Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch

Regie: Ivan Krejčí
Bühne: Milan David
Kostüme: Marta Roszkopfová
Musik: Nikos Engonidis
Dramaturgie: Tomáš Vůjtek
Es spielen: Marek Cisovský, Alena Sasínová-Polarczyk, Petr Panzenberger, Šimon Krupa u. a.

Nach der Vorstellung laden wir zur moderierten Podiumsdiskussion mit den tschechischen Theatermachern ein. Moderation: Barbora Schnelle

Karten 12 €/8 €. Reservierung bitte beim Theater unterm Dach unter 030 – 902 95 38 17

 

Veranstalter:
Drama Panorama: Forum für Theater und Übersetzung e. V.
www.drama-panorama.com
Tschechisches Zentrum Berlin/České centrum Berlín
berlin.czechcentres.cz

In Zusammenarbeit mit Komorní scéna Aréna, Ostrava

Dramaturgie/Produktionsleitung:
Barbora Schnelle und Henning Bochert

Das Festival wird gefördert von:
Deutsch-tschechischer Zukunftsfonds
Kulturministerium der Tschechischen Republik
Stadt Ostrava
Institut der Künste – Theaterinstitut Prag
Dilia o.s., Agentur für Theater, Literatur und audiovisuelle Künste
Theater unterm Dach, Berlin

Weitere Informationen und Kontakt: info@drama-panorama.com

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