Werewere Liking, Elfenbeinküste, zum Welttheatertag am 27.03.18

Werewere Liking (Elfenbeinküste), Maya Zbib (Libanon), Ram Gopal Bajaj (Indien), Simon McBurney (Großbritannien) und Sabina Berman (Mexiko) sind die Botschafter*innen, die das ITI 2018 zum Welttheatertag am 27. März ausgewählt hat. Die fünf Autor*innen kommen aus fünf globalen Kulturregionen. Damit unterstreicht der ITI-Weltverband aus Anlass seines 70jährigen Bestehens in besonderer Weise die Vielfalt wie auch den Kulturen übergreifenden und verbindenden Charakter von Theater.

Eines Tags

Fasst ein Mensch den Entschluss, sich vor einem Spiegel (einem Publikum) Fragen zu stellen

Sich Antworten auszudenken, vor demselben Spiegel (seinem Publikum)

Sich zu kritisieren, sich über die eigenen Fragen und Antworten lustig zu machen

Darüber zu lachen oder zu weinen, was soll’s, aber am Ende

Seinen Spiegel (sein Publikum) zu grüßen und zu segnen.

Dass der ihm einen solchen Augenblick des Atemholens oder Verdrusses vergönnte.

Er verbeugt sich und grüßt ihn, um ihm Dankbarkeit und Respekt zu bezeugen.

Im Grunde seines Herzens suchte er nach Frieden,

Frieden mit sich selbst und mit seinem Spiegel.

Er spielte Theater.

An jenem Tag sprach er …

Seine Schwächen verachtend, seine Paradoxien und Verzerrungen

Mit seiner Mimik, seinen Verrenkungen die Schäbigkeiten geißelnd

Die seine Menschlichkeit verhunzten

Schurkereien welche Katastrophen zeitigten

Er sprach zu sich selbst …

Er bewunderte, den Schwung mit dem er über sich hinauswuchs,

Sein Streben nach Größe, seine Sehnsucht nach Schönheit,

Sein Trachten nach einem besseren Leben, einer besseren Welt,

all dies gebaut mit den eigenen Gedanken,

geschmiedet mit eigener Hand

Wenn er es wollte, von sich und zu sich im Spiegel, sagt er sich,

Wenn er und der Spiegel es teilten, danach zu verlangen …

Aber er weiß, es war nur gespielt

Lächerlich nur, bestimmt Illusion

Aber gewiss auch geistiges Handeln,

Aufbau, Wiedererschaffung der Welt

Er spielte Theater.

Selbst wenn er all seine Hoffnungen torpedierte

Mit Worten und Gesten der Anklage

Ließ er nicht davon ab, glauben zu machen,

Dass alles sich an einem einzigen Abend vollziehe

Mit seinen verrückten Blicken

Seinen sanften Worten

Seinem schalkhaften Lächeln

Seinem köstlichen Humor

Mit seinen Worten, die, ob sie verwunden oder besänftigen

Eine Chirurgie des Wunders vollziehen.

Ja, er spielte Theater.

Und deshalb machen wir in Afrika, im Allgemeinen

Und besonders in seinem schwarzen Teil,

Dem Teil der Kamita1, aus dem ich stamme,

Uns über alles lustig, sogar über uns selbst

Über alles lachen wir, auch wenn wir trauern und weinen

Wir geben dem Boden Schläge, wenn er uns enttäuscht

Mit dem Gbégbé2 oder dem Bikoutsi3

Wir schnitzen schreckliche Masken,

Die Glaé4, die Wabélé5 oder die Poniougo,6

Um den unerbittlichen Prinzipien Gestalt zu verleihen,

Die uns die Kreisläufe und Zeiten auferlegen,

Und Marionetten, die schließlich ihre Schöpfer darstellen

Und ihre Strippenzieher unterwerfen.

Wir ersinnen Riten, in denen das gesprochene Wort zum Gesang anschwillt

Zum rhythmischen Atem

Und sich aufschwingt, das Heilige zu erobern

Tänze bewirkend wie Trancen.

Zaubergesänge, Rufe zur Frömmigkeit

Aber auch und besonders schallendes Lachen

Um die Freude am Leben

Die weder Jahrhunderte der Kolonisierung,

Des Rassismus, der Diskriminierung

Noch unaufhörliche Zeiten unsäglicher Ausschreitungen

Haben ersticken und unsere Seele ausreißen können,

Die Seele des Vaters und der Mutter der Menschheit

In Afrika, wie überall auf der Welt:

Wir spielen Theater.

In diesem besonderen, dem ITI gewidmeten Jahr

Bin ich glücklich und geehrt

Unseren Kontinent zu vertreten

Und bringe seine Friedensbotschaft mit,

Die Friedensbotschaft des Theaters.

Denn dieser Kontinent, von dem man vor nicht allzu langer Zeit sagte,

Dass die Welt ohne Not auf ihn verzichten könne, und ohne dass man sein Fehlen verspürte,

Dieser Kontinent wird wieder anerkannt in seiner vorrangigen Rolle

Als Vater und Mutter der Menschheit.

Hierher strömt die ganze Welt,

Denn ein jeder hofft stets darauf, Frieden zu finden,

In den Armen seiner Eltern.

In diesem Sinne ruft unser Theater mehr als je zuvor,

Alle Menschen und ganz besonders jene,

die das Denken, die Worte und das Handeln des Theaters teilen,

Dazu auf, sich selbst wie auch die anderen zu achten,

Und den besten Werten der Menschlichkeit den Vorrang zu geben,

In der Hoffnung, in einem jeden eine größere Menschlichkeit zurückzuerobern,

eine Menschlichkeit, die Intelligenz und Verstehen wieder zutage treten lässt,

Mit einem der wirksamsten Anteile menschlicher Kultur,

einem der alle Grenzen auslöscht, dem Theater.

Einem der großherzigsten Teile, denn er spricht alle Sprachen,

Steckt in allen Kulturen, spiegelt alle Ideale wider,

Ist Ausdruck einer tiefen Einheit aller Menschen

Die durch alle Konfrontationen hindurch

Danach streben, einander besser kennenzulernen

Und zu lieben, in Frieden, in Ruhe

Wenn die Darstellung zur Teilnahme wird

Und uns an die Pflicht zum Handeln erinnert,

Die die Macht des Theaters uns auferlegt,

Die Macht alle Menschen zum Lachen und Weinen zu bringen,

Unwissen zu verringern und Wissen zu mehren

Damit der Mensch zum größten Reichtum des Menschen wird.

Unser Theater möchte all diese humanistischen Prinzipien, all diese hohen Tugenden

all diese Ideen von Frieden und Völkerfreundschaft,

Die die UNESCO verkündet,

Von Grund auf prüfen und neu bewerten

Um sie in den Szenen zu verkörpern, die wir heute schaffen,

Damit diese Ideen, diese Prinzipien wieder wesentliche Notwendigkeit werden,

Zunächst der Theaterschaffenden selbst,

Die sie dann besser mit ihrem Publikum teilen können.

Deshalb sagt unser letztes Theaterstück: „Der Gottbaum“ folgendes,

So wie der Kindack7 Ngo Biyong Bi Kuban8, unser aller Meister, es empfiehlt:

„Gott ist wie ein dicker Baum,

von dem jeder nur einen Teil sieht,

je nach dem Blickwinkel des Betrachters:

Wer über den Baum fliegt, sieht nur das Laub,

Vielleicht auch Früchte und Blüten, je nach Jahreszeit,

Wer unter der Erde lebt, weiß mehr über seine Wurzeln

Wer an seinem Stamm lehnt, erkennt ihn

Am Gefühl im Rücken.

Wer aus einer bestimmten Himmelsrichtung sieht, erblickt Dinge, zu denen diejenigen,

Die aus der gegenüberliegenden Richtung auf ihn schauen, keinen Zugang haben.

Einige Privilegierte werden das Geheimnis zwischen Rinde und Holz wahrnehmen,

Und andere das intime Wissen über den Kern des Baums,

Aber wie oberflächlich oder intim die Wahrnehmung eines jeden sein mag,

Niemand hat einen Blickwinkel der es ihm ermöglicht, alles wahrzunehmen,

Es sei denn man wird selbst zu diesem göttlichen Baum!

Aber ist man dann noch Mensch?

Mögen alle Theater der Welt sich tolerieren und akzeptieren

Um den weltweiten Zielen des ITI zu dienen

Damit es zu seinem 70. Geburtstag

Mehr Frieden gebe auf der Welt,

Mit starker Teilnahme des Theaters.

Aus dem Englischen von Dieter Welke

Werewere Liking, Elfenbeinküste

Werewere Liking wurde in Kamerun geboren und lebt seit 1978 in Elfenbeinküste. Sie ist eine Künstlerin vieler Disziplinen: als Schriftstellerin veröffentlichte sie fast 30 Titel, vom Roman über Erzählungen, Essays, Kunstbücher und Gedichte bis zum Theaterstück. Seit 1968 malt sie und nahm an zahlreichen Ausstellungen in der ganzen Welt teil. Außerdem ist sie Dramaturgin, Puppenspielerin mit innovativen Ideen und Regisseurin zahlreicher großer Theaterfresken, die als afrikanische Opern beschrieben werden und zum Teil um die Welt tourten. Als Schauspielerin arbeitet sie für Theater und Film. Und sie ist Rapperin …

Als Forscherin gestaltete sie an der Universität von Abidjan (ILENA) im Rahmen eines Projekts zu traditionellen Techniken der Pädagogik von 1979 bis 1985 die Revolutionierung des rituellen Theaters in ihrer Heimat mit. Um diese Erfahrungen reicher gründete sie das Künstlerdorf Ki-Yi M‘bock, wo sie ein spezielles von afrikanischen Initiationsriten inspiriertes Ausbildungsprogramm entwickelte, das insbesondere junge Menschen in schwierigen Lebensumständen anspricht und ihnen durch die Ausbildung soziale Reintegration ermöglicht. Dafür erhielt sie den Prinz-Claus-Preis „Heldin der Stadt“ (2000). Mit der Gründung der „Panafrikanischen Ki-Yi Stiftung für die Jugendbildung und die Entwicklung der Kultur“ (2001) verfolgt sie diese Zielsetzung seither weiter. Unter den zahlreichen renommierten Preisen, die sie erhielt, seien der französische Prix Arletty erwähnt, der Preis der belgischen Fondation René Praille, der Fonlon Nichols Preis der Universität von Alberta, Kanada; sie wurde zum Chevalier des Arts et des Lettres Françaises ernannt und erhielt den nationalen Verdienstorden (Commandeur de l’Ordre national du Mérite). Sie war Mitglied des Hohen Rates der Frankophonie (1997-2003), wurde mit dem Noma-Literaturpreis ausgezeichnet (2005) und als Buch des Jahres 2007 für ihren Roman „La Mémoire Amputée“. Sie ist ein ständiges Mitglied der ASCAD (Académie des Sciences, des Arts et Cultures d’Afrique et des Diasporas Africaines) in Elfenbeinküste.

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