Simon McBurney, Vereinigtes Königreich, zum Welttheatertag am 27.03.18

Werewere Liking (Elfenbeinküste), Maya Zbib (Libanon), Ram Gopal Bajaj (Indien), Simon McBurney (Großbritannien) und Sabina Berman (Mexiko) sind die Botschafter*innen, die das ITI 2018 zum Welttheatertag am 27. März ausgewählt hat. Die fünf Autor*innen kommen aus fünf globalen Kulturregionen. Damit unterstreicht der ITI-Weltverband aus Anlass seines 70jährigen Bestehens in besonderer Weise die Vielfalt wie auch den Kulturen übergreifenden und verbindenden Charakter von Theater.

Eine halbe Meile vor der Küste der Kyrenaika im Norden Libyens befindet sich eine riesige Felshöhle. 80 Meter breit und 20 hoch. Im hiesigen Dialekt wird es Haua Fteah genannt. Mitte 1951 wurde mittels Kohlenstoffdatierung nachgewiesen, dass der Ort in den letzten 100.000 Jahren ununterbrochen von Menschen bewohnt war. Unter den Ausgrabungsgegenständen befindet sich eine Knochenflöte, deren Alter auf 40- bis 70.000 Jahre geschätzt wird. Als kleiner Junge fragte ich meinen Vater, als ich davon erfuhr: „Hatten die damals Musik?“
Er lächelte mich an. „Wie alle menschlichen Gemeinschaften.“
Er war ein in den USA geborener Prähistoriker und der erste, der am Haua Fteah in der Kyrenaika Grabungen unternahm.
Ich fühle mich geehrt und glücklich, Europa am diesjährigen Welttheatertag zu repräsentieren.
Im Jahr 1963, als die Bedrohung durch einen Atomkrieg die Welt lähmte, schrieb mein Vorgänger, der große Arthur Miller: „Wenn man in einer Zeit schreiben soll, in der die Diplomatie und Politik so furchtbar machtlos sind, muss die zart aber oft lang wirkende Kunst die Bürde tragen, die menschliche Gemeinschaft zusammenzuhalten.“
Die Bedeutung des Wortes Drama geht auf das griechische Wort „dran“ zurück: „handeln, etwas tun“, und das Wort Theater stammt vom griechischen „Theatron“ – wörtlich: „Ort, von dem man zuschaut“. Ein Ort, an dem wir nicht nur zuschauen, sondern sehen, empfangen, verstehen. Vor 2.400 Jahren entwarf Polyklet der Jüngste das große Theater von Epidauros. Es fasst bis zu 14.000 Menschen und die verblüffende Akustik dieses Freilufttheaters grenzt an ein Wunder. Das Geräusch eines Streichholzes, das in der Mitte der Bühne entzündet wird, kann man auf allen 14.000 Sitzen hören. Wie in griechischen Theatern konnte das Publikum nicht nur die Darsteller auf der Bühne, sondern auch die Landschaft dahinter sehen. So verschmelzen nicht nur die verschiedenen Orte, wie die Gemeinschaft, das Theater und die natürliche Umgebung, sondern auch die verschiedenen Zeiten. Das Schauspiel ließ die alten Mythen in der Gegenwart auferstehen, und der Blick über die Bühne hinaus offenbarte unsere fernste Zukunft: Die Natur.
Eine der bemerkenswerten Offenbarungen von Shakespeares Globe Theatre in London betrifft die Sicht. Sie betrifft das Licht. Bühne und Zuschauerraum sind gleich hell erleuchtet. Darsteller und Publikum können einander sehen. Immer. Überall, wo man hinschaut, sind Menschen. So werden wir daran erinnert, dass die großen Monologe etwa von Hamlet oder Macbeth nicht nur private Meditationen sind, sondern öffentliche Debatten.
Wir leben in einer Zeit, in der es schwer ist, klar zu sehen. Fiktion ist allgegenwärtig, und das mehr als jemals zuvor in der Geschichte und Urgeschichte. Jede „Tatsache“ kann angezweifelt werden und jede Anekdote kann sich uns als Wahrheit präsentieren. Eine Fiktion ist in unserer Umgebung jedoch besonders präsent. Es ist jene Fiktion, die uns spaltet. Von der Wahrheit fernhält. Und voneinander. Sodass wir getrennt sind. Völker von Völkern. Frauen von Männern. Menschen von der Natur.
Doch wir leben nicht nur in einer Zeit der Spaltung und Fragmentierung, sondern auch in einer Zeit immenser Bewegung. Zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte waren die Menschen so in Bewegung: vielfach auf der Flucht; laufend, schwimmend, wenn es sein muss, migrierend; überall auf der Welt. Und das ist erst der Anfang. Wie wir wissen, besteht die Antwort darauf im Schließen der Grenzen. Im Bauen von Mauern. Ausschluss. Isolation. Wir leben in einer Welt der Tyrannei, in der Gleichgültigkeit die allgemeine Währung und Hoffnung Schmuggelware ist. Und das Kontrollieren von Raum und Zeit ist Teil dieser Tyrannei. Die Zeit, in der wir leben, scheut die Gegenwart. Sie konzentriert sich auf die jüngste Vergangenheit und die nahe Zukunft. Dies hier habe ich nicht. Das da werde ich kaufen.
Und wenn ich es gekauft habe, brauche ich das nächste… Ding. Die tiefe Vergangenheit ist ausgelöscht. Die Zukunft ist ohne Belang.
Viele sagen, das Theater wird oder kann nichts an all dem ändern. Doch das Theater wird nicht verschwinden. Denn Theater ist ein Ort, um nicht zu sagen, ein Fluchtort. Wo Menschen zusammenkommen und sofort eine Gemeinschaft bilden. Wie wir es immer getan haben. Alle Theater haben die Größe erster menschlicher Gemeinschaften: zwischen 50 und 14.000 Seelen – von der Karawane eines Nomadenvolks bis zu einem Drittel des alten Athen.
Und weil Theater allein in der Gegenwart existiert, stellt es diese verheerende Vision von der Zeit in Frage. Immer ist der gegenwärtige Moment Gegenstand des Theaters. Die Konstruktion seiner Bedeutung ist das gemeinsame Werk von Darsteller und Publikum. Nicht nur hier, sondern jetzt. Ohne das Werk der Darsteller wäre das Publikum nicht fähig zu glauben. Ohne den Glauben des Publikums jedoch wäre die Darbietung unvollständig. Wir lachen im selben Moment. Wir sind ergriffen. Leise stockt uns der Atem, sind wir geschockt. Und in diesem Moment entdecken wir durch das Theater die tiefste aller Wahrheiten: dass das, was wir für die privateste Grenze zwischen uns hielten, bildet die Grenze unseres eigenen, individuellen Bewusstseins, das gleichzeitig grenzenlos ist. Es ist etwas, das wir teilen.
Und sie können uns nicht stoppen. Jeden Abend treten wir erneut auf. Jeden Abend kommen Darsteller und Publikum aufs Neue zusammen. Und das gleiche Drama wird neu inszeniert. Denn, wie der Autor John Berger sagte: „Die rituelle Wiederkehr ist im Wesen des Theaters fest verankert.“ Darum war es seit jeher die Kunst der Enteigneten und Besitzlosen, und das sind wir – angesichts der Zerstörung unserer Erde – letztlich alle. Wo immer Darsteller und Publikum zusammenkommen, da werden Geschichten inszeniert, die nirgendwo anders erzählt werden können – sei es in Opern, Stadttheatern oder Lagern, in denen Geflüchtete und Migranten Zuflucht suchen, im Norden Libyens und überall auf der Welt. Dieses Reenactment wird uns auf ewig verbinden.
Und wären wir in Epidauros, so könnten wir aufschauen und sehen, wie wir all das mit einer ausgedehnten Landschaft teilen. Wir sind immer Teil der Natur und können ihr ebenso wenig entkommen, wie diesem Planeten. Wären wir im Globe Theatre, so würden wir sehen, dass uns die scheinbar privaten Fragen alle angehen. Und wenn wir die 40.000 Jahre alte Kyrenaika-Flöte in den Händen halten könnten, so würden wir verstehen, dass Vergangenheit und Gegenwart hier untrennbar vereint sind, und dass das Band der menschlichen Gemeinschaft von Tyrannen und Demagogen nie gebrochen werden kann.

Aus dem Englischen von Lisa Wegener

Biografie

Simon McBurney, geboren in Cambridgeshire, UK, ist Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur. Nach dem Studium der Englischen Literatur an der Universität von Cambridge wandte er sich bald dem Theater zu und schrieb sich an der École Internationale de Théâtre Jacques Lecoq in Paris ein.
Als Mitbegründer des Théâtre de Complicité in London (1983) hatte er fortan die Plattform für die praktische Umsetzung dessen, was er über Drama gelernt hatte. Er führte Regie in einer Fülle von Produktionen, zu den großen Erfolgen der Kompanie gehören unter anderen: „Mnemonic“ (1999), „Der Elefant verschwindet“ (2003), „Das Herz eines Hundes“ (2010), „Der Meister und Margarita“ (2011).
Zusätzlich zur Regiearbeit schrieb Simon McBurney 2007 „Eine verschwindende Nummer“, eine Erzählung über die Zusammenarbeit eines britischen Mathematikers und eines indischen Wissenschaftlers, für die er auch Regie führte. Die Produktion tourte weltweit. Im Jahr 2009 entwickelte er das Konzept für das Stück „Shun-kin“, basierend auf den Schriften des japanischen Autors Jun‘ichiro Tanizaki, mit und führte wiederum Regie.
Es heißt, dass das Théâtre de Complicité sehr stark von der theoretischen und akademischen Theaterauffassung Simon McBurney‘s geprägt ist. Es ist für einen charakteristischen Theaterstil bekannt, der viel Wert auf starke physische, poetische und surrealistische Bilder legt, der die Dialoge mit einem großartigen Sinn für das Spektakel unterlegt. Die Arbeiten der Kompanie touren weltweit mit großem Erfolg, in Deutschland wurde sie 1993 durch das ITI-Festival „Theater der Welt“ mit „The Street of Crocodiles“ bekannt.
Simon McBurney erhielt viele renommierte Preise für seine Arbeiten, unter anderen 1998 den Laurence Olivier Preis für die beste Choreographie für seine Überarbeitung des „Kaukasischen Kreidekreises“; 1999 und 2007 den Preis der Theaterkritiker für „Mnemonic“ bzw. „Die verschwindende Nummer“; 2005 wurde er zum Officer of the Order of the British Empire ernannt.
Neben dem Theater arbeitet McBurney als Schauspieler und als Autor für Film wie Fernsehen

 

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